Musik

Dienstag, 24. August 2010

Waldmeister.

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Alles Rot. Mit dem gleichnamigen Album im Gepäck machen Silly zwischen zwei Tour-Blöcken Station in Göttingen. Die Band mit altem Ost-Rock-Kult-Status und neuem bundesweiten Rockanspruch in Sachen „Lieder für Erwachsene“ bereichert das traditionelle Open-Air-Festival im malerischen, waldumschlossenen Kaiser-Wilhelm-Park.

Zu hören gibt es wunderbare melodische Rockmusik. Im besten Sinne kann man von Liedern sprechen. Vor allem die Texte ragen aus der Masse raus. Für diese besonderen Texte zeichnet sich Werner Karma verantwortlich. Ein Urgestein der Ostlyrik und Wortschöpfer schon in alten Silly-Tagen. Einige der Klassiker der Band sind im Set verstreut zu finden, der Schwerpunkt allerdings liegt auf den Songs des aktuellen Albums.
Die dramaturgisch ausgereifte Setlist bietet Kracher und Balladen und endet mit einer abgefahrenen Reprise des Titel-Songs, die jedem Schwätzer beweist, dass es sich hier tatsächlich noch um eine Rockband handelt. Der Sound ist transparent und knackig, die Leadstimme hebt sich klar und prägnant eine Spur ab. In Szene gesetzt wird die Show mit geschickt arrangiertem Licht. Effekte werden sparsam und damit wirkungsvoll genutzt. Geschmackvoll.

Es ist schon beeindruckend, mit welch einfachen Mitteln man ein Publikum erreichen kann, wenn man so etwas transportiert wie Authentizität. Begrifflich überstrapaziert, im Falle von Silly aber das A und O. Vom ersten Ton an bekommt man den Eindruck, dass hier eine Band zusammen spielt und gerne gemeinsam musiziert. Ohne große Gesten, ohne viel Tam-Tam. Die drei Silly-Musiker haben sich Live Verstärkung an Gitarre, Keyboard und Schlagzeug geholt. Die Band versteht ihr Handwerk und wird dem musikalischen Erleben gerecht. „Frontfrau“ Anna Loos besticht durch latente und äußerst charmante Unsicherheit in Sachen „Rampensau“ – und schafft damit genau die Nähe und Tiefe, die bei einem guten Konzert beabsichtigt und gewollt ist. So wird eine von Krawallfreunden vielleicht als altbacken bezeichnete Performance für den Musikliebhaber zu einer warmen, liebevollen und – im besten Sinne – ehrlichen Präsentation.

Anna Loos verzichtet ihrerseits völlig auf den Status als bekannte Schauspielerin. Dass die einen oder anderen Medienvertreter nicht umhin können, als Backtriebmittel immer wieder auf die „bekannte Schauspielerin“ mit dem noch bekannteren „Schauspieler-Ehemann“ zurückzugreifen – geschenkt. Loos selbst scheint sich ganz auf die Musik, ihren Gesang und die neue Aufgabe als Frontfrau einer Band zu konzentrieren. Das ist sympathisch. Und unterstreicht vor allem jene Authentizität, die diese Band ausstrahlt. Hier geht es um’s Musizieren, um Gefühle, um Freunde, die gemeinsame Sache. So, wie sich das für eine richtige Band gehört.
Und das Publikum nimmt diese reduzierte Attitüde dankbar an. Die vordergründige Zurückhaltung entpuppt sich bei näherem Hinsehen als völlig falscher Eindruck. Rundherum stehen Menschen, die aufmerksam, konzentriert und fast andächtig den Liedern lauschen. Mehr Nähe, Anteilnahme und Empathie kann man von Zuhörern kaum erwarten.

Den besonderen Charme dieser Combo erfasst man in seiner Gänze durch eine kleine Geste zum Schluss des Konzertes: Nach drei Zugaben, gemeinsamen Verbeugen und „Tschüss“ sagen, verweist Silly-Urgestein Ritchie Barton an dramaturgisch eigentlich unpassender Stelle auf den Stellenwert und die Kraft der neuen Frontfrau. In solchen Momenten offenbart sich die Tiefe und Nähe einer tatsächlichen Band. Äußerst sympathisch. Und fern ab jeglicher kalkulierten Performance.

Silly starten im Herbst zum zweiten Teil ihrer Tournee. Die Ampeln stehen für die Band auf „freie Fahrt“. Alles Grün.

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Sonntag, 17. Mai 2009

Sprechen Sie Pop?

So schlecht kann die Welt nicht sein. Immerhin wurde der von mir beim diesjährigen ESC favorisierte Song (Island, Yohanna - "Is It True") auf den zweiten Platz gewählt.
Eine herzergreifende Mid-Tempo-Nummer, mit klassischer, melancholischer Akkord-Struktur, seidigen Streicher-Arrangements sowie fantastischer, countryesker Dreisatz-Harmonik im Chor-Gesang. Und für meinen Kumpan und Lieblingsbasser Matze zum Finale eine gepflegte Jubel-Prime (die genaugenommen natürliche eine Terz ist;-).

Das alles täte an dieser Stelle aber nichts zur Sache und würde keine Erwähnung finden, wenn sich im weltweiten Netz nicht alberne interessante Sprachversionen des Songs finden würden. Damit wird nämlich auf das Schönste eine Tradition fortgesetzt, die in den späten 60er und frühen 70er Jahren an der Tagesordnung war.
Damals war es selbstverständlich, dass angesagte Nummern (vor allem aus dem französischen Sprachraum) flugs deutsch eingesungen wurden, um sie für den hiesigen Markt attraktiver zu machen. In Memoriam Joe Dassin, Gilbert Becaud oder France Gall. Allerdings waren auch damals die Fab Four Avantgarde ("Komm gib mir deine Hand"). Allen gemein war der Umstand, keinerlei Kenntnis der deutschen Inhalte zu haben und die Texte ausschließlich phonetisch zu präsentieren. So auch mit aller Wahrscheinlichkeit im Falle von Yohanna. Für alle Liebhaber hier nachzuhören.

Wenn man den unbedarften Charme mal außer Acht lässt, bekommt man einen Eindruck, was deutschsprachiger Schlager-Pop abseits von Helene Fischer sein könnte.

Mittwoch, 4. März 2009

Thank You For the music.

Ich bin kein Stöckchen-Fan. Aber Herr Paulsen hat uns eines hingeworfen, was keine Ignoranz verdient. Die 15 Alben, die das Leben veränderten sind gefragt. Genau Herr Paulsen, warum sich mit Nichtigkeiten aufhalten?
Ich habe mich, gewissenhaft wie die Kollegen, an die Vorgabe gehalten. Nicht Lieblingsalben sind gefordert. Auch nicht die Alben, die man hörte, als sich das Leben änderte. Und es geht nicht um Songs auf einem Album, sondern um das Gesamtwerk einer LP (LP!). Das muss schon bürokratisch abgearbeitet werden. So entstand folgende Liste, die vermutlich nicht dem Coolness-Faktor Genüge tut, aber authentische Meilensteile listet. Es ist, wie es ist.


Abba – The Visitors
Nach einem ersten prä-pubertären Zugang zur Pop-Musik mit Vadder Abraham, Marion Merz sowie sämtlichen Boney M- und Abba-Alben, kumulierte sich das bis dahin Gehörte in dem wunderbar melancholischen und handwerklich hervorragenden Abschiedswerk der vier Schweden. Ich wusste nicht viel, habe aber einiges gespürt. Für zwei blonde Pärchen aus Skandinavien ein Abgesang, für mich der Beginn. Große Pop-Musik.

Blondie – Parallel Lines
Die Sex-Komponente hielt Einzug. Und damit meine ich nicht die vordergründigen Reize Debbie Harrys, sondern die für einen heranwachsenden aktiven Musiker herrlich schwüle und ruppige Wave-Attitüde. Da war irgendwas neben Harmonielehre und Timing. Der Rock’n’Roll kam in die Welt gespült.

Beatles – Revolver
Eine Reise begann, die bis heute nicht endet. Je tiefer man einsteigt, desto mehr gibt es zu entdecken. Eine der wenigen Mythen, die gerechtfertigt sind. Der Shakespeare der populären Musik. Im Folgenden ALLES – Across the Universe…

Pink Floyd – The Wall
Zumindest für mich damals die perfekte Symbiose von impressionistischer Gestaltung und expressiver Ausdruckskraft. Für einen Heranwachsenden beeindruckend bis beängstigend. Und trotz einer mittlerweile erkannten Schlichtheit bis heute prägend. Die Welt muss nicht kompliziert sein. Aber leidvoll.

Queen – A Day at the Races
Glamour, Inszenierung, Pathos, geschmacksignorierende Leidenschaft – und das alles verbunden mit virtuosem Handwerk.

Bap – Für Usszeschnigge
Alle hassen sie. Vermutlich mit Recht. Ich liebe sie. Wieder. Und mit Abstand. Wie ein ungeratendes Kind gehören sie dennoch zu mir, weil sie meine 80er geprägt haben und mein pseudo-engagiertes Lebensgefühl formuliert haben. Deutsche Texte und uninspirierter Rock’n’Roll. Und auch wenn ich mich heute eines gewissen Fremdschämens nicht erwehren kann und Herrn Niedecken den ganzen Tag einen nassen Lappen ins Gesicht hauen könnte, stelle ich mich immer noch vor sie. Das hat was mit Charakter zu tun. Man ist ja Loyal.

Heinz Rudolf Kunze – Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde
Siehe Bap. Hinzu kommt, dass ich von HRK gelernt habe, wie meine deutsche Sprache, zumindest damals, durchaus rock-kompatibel funktioniert. Davon zehre ich, vor allem beruflich, heute noch. Face it!

Purple Schulz – Der Stand der Dinge
Siehe Bap. In diesen jungen Jahren ändert sich Vieles schnell im Leben. Hinzu kommt, dass unter musikalischen Gesichtspunkten Purple Schulz seinerzeit die einzige wirklich eigenständige deutsche Pop-Band auf internationalem Niveau waren. Wir hatten ja nichts, so kurz nach’em Kriech.

The Kinks – The Road
Meine Art von Punk. Meine Freund Mirko und Konsorten machten mir The Clash, The Ramones, Velvet Underground, Herman Brood schmackhaft. Die Davis-Brüder gaben mir die nötige Portion Melancholie, Text und Handwerk – und damit die akzeptable Schnittmenge.

Deep Purple – Stormbringer
Zurück auf der Straße. Eine klare, kraftvolle, schnörkellose Linie. Gut und Böse. Falsch und Richtig. Als Kontrapunkt zum ganzen pseudo-intellektuellen Geschwurbel, zur anstrengenden Selbstreflexion, zum Lila-Latzhosen-Gelaber. Wie geschaffen für die späte Pubertät. Ich liebe sie heute noch. Fuck the Libertines, Mando Diao, The Killers: Rock’n’Roll! (Don’t forget AC/DC, Rainbow und Whitesnake)

U2 – Achtung Baby
Der Eintritt in die 90er und in eine neue Zeit. Selten ein Album gehört, was eine so konsequente und schlüssige Weiterentwicklung einer Band darstellt. Und welches so passend einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel begleitend dokumentiert. Ich scheue mich allerdings nicht, im selben Atemzug Grönemeyers „Bleibt alles anders“ zu nennen. Die Segel mit Würde herum zu reißen, gelingt den Wenigsten. Nebenbei das Album mit einem meiner 10 Favorit-Songs - „One“.

Lyle Lovett – I Love Everybody
Wer erwachsen wird und Musik liebt, wird Americana-Country und Jazz entdecken. Lyle ist der Dosenöffner. Es offenbaren sich Emmylou Harris, Johnny Cash, Townes Van Zandt und Warren Zevon. Und die alten Sachen von Neil Young.

Tom Waits – Asylum Years (Compilation)
Mit einer grundsätzlichen Melancholie, Verletzlichkeit und Lebens(er)kenntnis benötigt man den passenden Soundtrack. Schlichte Authentizität, ehrliches Gurgeln, tiefes Greinen und die ganzen abgefuckten Geschichten, die so alt sind wie die Welt, teilt man mit diesem Mann. Auch wenn sich genau deshalb Hinz und Kunz erdreisten, seine großartigen Songs zu covern. Ausschließlich akzeptabel und weiterführend: Holly Cole und ihr grandioses Album „Temptations“.

Mozart – Zauberflöte (Karajan, recht flott)
Viel zu schlicht und unterdimensioniert der überstrapazierte Ansatz „Mozart als Pop-Musiker“. Fakt bleibt, dass Mozart mit seinen Opere Buffe das „Volkstümliche“ in der „Klassik“ vor den großen Italienern erlebbar macht und somit einen guten Zugang für Musikliebhaber zur unendlichen Erlebniswelt der Musikgeschichte schafft. Ein Werk von so schlichter Eleganz und gleichzeitiger Tiefe. Hier wird eine weitere Tür zur Musik geöffnet, die sich nicht wieder verschließt.

Gilbert Becaud – Die großen Erfolge (Compilation)
Wieder eine Compilation - geschenkt. Ich kann leider nicht mit einem tollen Bootleg aus den 60ern aufwarten. Aber egal. Fakt bleibt, dass ich seit einigen Jahren eine große Zuneigung zum französischen Chanson empfinde. Ohne der Sprache wirklich mächtig zu sein, entdecke ich hier, neben einer authentischen, europäischen Performance, eine tiefe, lyrische musikalische Welt, die meine audiophile Welt und meine Sicht der Dinge um einiges bereichert. Das Frauen eine gewisse Rolle spielen sei hier nur nebenbei erwähnt

Sonntag, 17. August 2008

Aufpoliert?

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich an dieser Stelle über Polished und ihren Auftritt beim Open Air im KWP in Göttingen geschrieben. Mein abschließender Wunsch für die Jungs, zukünftig noch größere Bühnen bespielen zu können, scheint nun Früchte zu tragen.

Zumindest wenn man sich die Pressemitteilung des ehemaligen Managements durchliest. Nicht nur die Single „Kick me“ wurde gestern veröffentlich. Nein, die Nummer ist auch noch Verpackungselement der schönsten Szenen des Spieltages bei der Samstags-Sportschau. Folgen sollen diverse Auftritte in den Bundesliga-Stadien während der gerade begonnenden Saison.

Offensichtlich und interessanterweise haben die Musiker als Letzte davon erfahren. Was wohl nur auf Unstimmigkeiten zwischen Band und Management zurückzuführen sein kann. Inwieweit also sich das Angekündigte erfüllt, die Karriere einen gehörigen Sprung nach oben macht und die Jungs ein dickes Airplay bekommen, bleibt abzuwarten. Zu wünschen wäre es den fünf Musikern.
Nun haben sie heute Abend erstmal als Special Guest beim Nachwuchsfestival „Rock am Kaufpark“ gespielt. War auch schön.

Mittwoch, 9. Juli 2008

Trip the Road, Jack.

So, die EM ist gelutscht und der Blick ist wieder frei auf die wirklich relevanten Themen des Alltags. Zum Beispiel auf das, was der Sommer an musikalischen Neuerungen bringt. Ganz vorne steht in diesem Zusammenhang sicherlich die offene Tür, die sich für eine neue Band aus Göttingen auftut.

Die Rede ist von Long Strange Trip, die sich spätestens mit ihrem zweiten Auftritt im Göttinger Nörgelbuff in der regionalen Szene etabliert haben.
Um den Hintergrund zu beleuchten, einen Einblick in die offizielle Bandbiografie.

Am Anfang stand das Ende. Bis 2006 haben Sänger Jan Fehrs und Gitarrist Andreas Twele bei der Metalband NAILHEAD zusammen Musik gemacht. Dort haben sie die härtere Gangart zelebriert, Andreas damals am Bass. Dann löste sich die Band auf.

Doch manchmal können sich die Dinge glücklich neu fügen: Bereits Anfang 2007 fanden Fehrs und Twele auf Grund ihrer guten Erfahrungen beim gemeinsamen Songwriting als Duo zusammen. Sie schrieben ein paar entspannte Akustik-Nummern und wollten damit Gigs in kleineren Clubs spielen. Der Hunger nach einer ‚richtigen’ Band ließ aber nicht lange auf sich warten. So stellte sich die Frage, wer für eine neue Formation geeignet wäre. Die Lust auf neue Gesichter hielt sich in Grenzen. Vielmehr drängten sich altbekannte Weggefährten in den Vordergrund.

Daniel Siebenstein hatte schon Ende der 80er Jahre zusammen mit Andreas Musik gemacht. Von Hause aus eigentlich auch Gitarrist, erklärte sich Daniel auf Anfrage schnell bereit, in der neuen Formation den Bass zu besetzen. Fehlte noch ein Schlagzeuger, von dem man sicher sein konnte, dass er die mittlerweile klar definierte musikalische Ausrichtung mit passendem Groove unterstützen kann.

Auch Maik Kroner spielte in den vergangenen Jahren mit Andreas Twele in diversen Bands zusammen. Und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die beiden wieder an einem Strick ziehen werden.

Damit hatten alle auf das richtige Pferd gesetzt. Schon bei den ersten Proben ab Mitte November 2007 stellte sich heraus, dass die Konstellation nicht nur gut zusammenpasst, sondern auch hochproduktiv sein kann. Mit dem Songwriter-Team Fehrs/Twele und den individuellen Fähigkeiten von Siebenstein und Kroner waren die ersten Songs schnell geschrieben und arrangiert, das Arbeitstempo enorm.

Den Beweis lieferten LONG STRANGE TRIP bereits ein Vierteljahr später. Am 29.02.2008 gaben LST mit 15 Eigenkompositionen ihr fulminantes, erfolgreiches Debütkonzert im Göttinger Nörgelbuff. Neben der geliebten Ochsentour über die Live-Bühnen im Lande, wurden zusammen mit ihrem Produzenten Dennis Poschwatta (Guano Apes/i.O) auch schon die ersten fünf Studio-Produktionen aufgenommen. Der LONG STRANGE TRIP nimmt also Fahrt auf.

(written by konText Redaktionsbüro)


Das haben die Jungs auch am vergangenen Freitag bewiesen. Mit aktualisiertem Set haben sie die Kellerbühne zur 'Nacht der Kulturen' gerockt. Mit ihrer Mischung aus klassischen Hardrock-Elementen, Crossover-Sound und, in der Tiefe der Songs, auch Folk-Anleihen, schaffen es die vier Musiker, im indie-, hardcore- und bluesrockgeschwängerten Umfeld eine eigene Duftnote zu hinterlassen. Mit angenehmer Zurückhaltung, aber einer erfreulichen handwerklichen Sicherheit präsentiert die Band ihre Songs. Dabei profitiert sie vor allem von dem eindringlichen Gesang Fehrs, der immer im Focus des gespielten Titels steht. Ebenso charakteristisch ist aber auch die Gitarre Tweles, der es versteht, gleichsam sparsam und effektiv zu agieren. Das alles auf dem soliden Rhyth'm-Pack von Bass und Drums. Dabei schafft es die Band, oft Gehörtem etwas Neues zu geben. Und ist damit sowohl alten Hasen als auch jungen Zuhörern ein angenehmer Wegbegleiter durch den Abend. Das bestätigt das zahlreiche, begeisterte und vor allem gemischte Publikum.
Einziger Kritikpunkt ist die Songauswahl des Abends. Auf Kosten der Klasse gibt es doch einige Nummern, die es ins Set geschafft haben, ohne die Reife oder Eigenständigkeit dafür zu besitzen. Hier sollte vielleicht im Vorfeld überlegt werden, ob man auf den einen oder anderen neuen Song verzichtet und sich eher auf eine professionelle Programmgestaltung konzentriert.
Alles in allem bleibt der Band zu wünschen, dass ihr 'Trip' weniger 'strange', dafür aber umso 'longer' dauert.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Daniel Siebenstein an besagtem Abend seinen letzten Auftritt mit L.S.T. hatte. Er wird sich zukünftig anderen musikalischen Projekten widmen und nach Hamburg umsiedeln.

Sonntag, 25. Mai 2008

Krang Brie III.

Ein Desaster. So der gleichwohl zusammenfassende wie auch richtige Kommentar von Thomas Hermanns nach der Übertragung des Grand Prix-Finals bezüglich des deutschen Abschneidens. Auf die Veranstaltung im Einzelnen soll hier nicht eingegangen werden. Das machen andere mit einem tollen Live-Blog besser - zum Beispiel Lukas oder der Popkulturjunkie.

Meinerseits möchte ich mir einfach ein allgemeines Schulterklopfen abholen, ob meiner Prognose auf Grund der gleichfalls desaströsen Proben. Das, was ich befürchtet habe, wurde letztlich genauso umgesetzt. Die No Angels, ihre Berater, der Choreograf oder wer auch immer eine solche Performance verantwortlich gestaltet, haben genau die Fehler begangen, die man voraussehen konnte. Dies war mit Abstand die schlechteste Inszenierung eines deutschen Vertreters bei einem Grand Prix. Schwach, kraftlos, beliebig. Wurde beim Vorentscheid ein tauglicher Popsong mit dezent-intimer Atmosphäre adäquat umgesetzt, geriet das alles auf der großen Final-Bühne zum Fiasko. Eine stocksteife Choreografie, ein unnötiger Einsatz von Pyrotechnik, eine scheußliche Garderobe waren nur die äußerlichen Faktoren eines nichtssagenden Auftritts. Vor allem sind die lntonation, die Leidenschaft und die Intimität völlig verloren gegangen. Die Stimmung des Songs war so nicht erkennbar. Dass die Tontechnik (hier wie bei ähnlich arrangierten Titeln) offensichtlich nicht in der Lage war, einen mehrstimmigen Leadgesang zu mischen, sondern ausschließlich auf Leadgesang plus Backround eingestellt war, spielt dabei nur eine Nebenrolle.
Wo war die Geschlossenheit des Ensembles, die sich entsprechend der unterschiedlichen Leadparts zwischenzeitlich auflöst? Wo das sich sehnsuchtsvolle Aneinanderreiben, die melancholische Ausstrahlung? Das Finale bleibt in erster Linie eine TV-Übertragung und hätte somit auch von der Bildinszenierung fernsehgerecht umgesetzt werden können. Stattdessen eine Vorort-Jazz-Dance-Choreografie, die auf Kosten des Gesangs ging. Bezeichnend, dass dafür auf die zweifelhafte, prätentiöse und peinliche Zurschaustellung von Sandys Brüsten gesetzt wurde. Das Ganze ist ein Beispiel dafür, wie man mit Zuviel etwas Gutes kaputt macht (Und damit meine ich nicht Sandys Brüste). Augenscheinlich war die gesamte Produktion der Veranstaltung in der Lage, auch ausgefallenste Wünsche der Interpreten umzusetzen - bei der Schwedin Perelli wurde sogar die Bildmischung involviert. Warum hat man also nicht einfach die Gestaltung des Vorentscheids samt Hebebühne auf die Belgrader Bühne gepackt und sich auf die bewährte und gelungene Performance verlassen?

Konnte man in den vergangenen Jahren mit dem Auftritt der deutschen Vertreter zufrieden sein und sich über die Punktevergabe ärgern, musste man dieses Jahr einfach zugeben, dass der Auftritt zu Recht nicht wahrgenommen wurde. Schade. Mit etwas mehr ästhetischem Sachverstand, etwas weniger überkandidelter Pseudo-Professionalität und mehr Glaube an den Song wäre mit Sicherheit mehr drin gewesen. So - ein Desaster.

Donnerstag, 22. Mai 2008

Krang Brie II.

Was war das für ein schöner Auftritt bei der Vorentscheidung zum Grand Prix, als sich die No Angels knapp gegen Caroline Fortenbacher durchsetzen konnten. Gut bei Stimme, die Frisuren nicht so großraumdiscomäßig wie sonst und auch in Sachen Outfit war alles im Lot.
Zum Song gab es eine adäquate, also zurückhaltende Choreografie, die vor allem die jeweilige Solistin positionierte, das Intro und die Bridge dezent-sexy in Szene setze und ansonsten den Mädels genug Raum ließ, sich einfach locker zu bewegen. Dazu die, hier erstaunlicherweise unpeinliche, Windmaschine und natürlich die versenkbare Bühne, welche, und dieses Wortspiel muss mir erlaubt sein, die vier Sängerinnen engelsgleich aus der Hölle geholt hat.

Nach betrachten der zweiten Probe in Belgrad scheinen sie allerdings in genau dieser wieder verschwunden zu sein. So kommt es einem zumindest vor, wenn man versucht die vier Damen auf der viel zu großen Bühne auszumachen. Irgendwo dort zwischen dem Funkenregen und den Rauchwolken der verglühenden Bomben, zwischen den Nebelschwaden und den Blitzen müssen sie sein. Wer ist für einen solch absurden Einsatz von Pyrotechnik verantwortlich? Wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man vor der überdimensionierten Video-Wall tatsächlich vier kleine Menschen, die sich ungelenk bewegen. Gar nichts mehr von der dezenten Choreografie des Vorentscheids. Vielmehr die albernen einstudierten Bewegungen einer Kantinenbelegschaft beim Auftritt im Karneval. Die No Angels konzentriert, steif, verkrampft.

Ich kenne natürlich die Produktionsbedingungen vor Ort nicht. Wenn aber für jeden einzelnen Act die Bühne derart aufwändig eingerichtet werden kann, wäre es doch bestimmt auch möglich gewesen, einfach das Bühnendesign des Vorentscheids zu adaptieren.

Bleibt zu hoffen, dass es sich bei den gesehenen Proben, um im Wortsinn zu bleiben, tatsächlich um ein Ausprobieren gehandelt hat und man beim Finale wieder auf die schlichte Eleganz setzt.

Dienstag, 20. Mai 2008

Krang Brie I.

Früher war alles besser. So hört man wieder allenthalben. Und das bezieht sich zurzeit häufig auf den Eurovision Song Contest oder auch Grand Prix Eurovision de la Chanson. Und stimme ich sonst gerne in manch wertkonservative Debatte ein, halte ich mich beim Thema Grand Prix entspannt zurück. Es ist unnötig darüber zu lamentieren, dass sich die Veranstaltung über die Jahrzehnte geändert hat. Der Grand Prix hat immer wieder nicht nur seinen Namen, sondern auch sein Gesicht gewechselt. Gestartet als europaweiter Wettbewerb für Komponisten und Autoren, war er auch solide Premium-Show oder Krawallbutze. Der letztgenannte Zustand hat sich nun in den vergangenen Jahren gefestigt. Und auch wenn man lieber einen seriösen Sängerwettstreit hätte – Spaß macht der Grand Prix immer noch.

Richtig ist allerdings: Früher hat man sich am Samstagabend völlig vorbehaltlos vor dem Fernseher eingefunden. Im günstigsten Fall kannte man den Vertreter des eigenen Landes, ansonsten ließ man sich von Titeln, Interpreten und vielleicht noch von der Garderobe der Darbietenden einfach überraschen. Das war gestern.

Heute werden schon Wochen im Vorfeld des eigentlichen Finaltermins sämtliche Titel der Teilnehmer veröffentlicht, jeder auffindbare Mitschnitt eines Auftritts beim Videoportal Youtube eingestellt und alle Interpreten auf Schritt und Tritt verfolgt, um jederzeit über, sagen wir mal, hereinbrechende Flatulenzen zu berichten. So kann sich der geneigte Freund der Veranstaltung die Zeit hier oder hier vertreiben. Dort ist alles über einen irischen Truthahn, serbisches Liedgut auf Pressekonferenzen und die Viruserkrankung „unserer“ Jessica zu finden. Als würde das noch nicht reichen, ist es nun auch möglich, die Proben der einzelnen Acts mitzuverfolgen. Was nicht zwingend zum Vorteil gereicht, ob dem, was man da so von seinem eigenen Favoriten sieht. Zumindest scheint die Inszenierung der ‚No Angels’ nicht zu halten, was der von mir sehr gemochte Auftritt der Damen beim Vorentscheid versprach. Vielleicht war früher doch alles besser.

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