Menschen

Donnerstag, 22. September 2011

Nicht. Wählen.

Ich bin Nichtwähler. Du bist Wähler. Und häufig schimpfst du mich dann einen Anti-Demokraten, einen Unterstützer der Extremisten gar, oder aber ich bin direkt ein Faschist, Rassist, und weiß Gott noch was. Denn, Nichtwähler wie ich ebnen ja bekanntlich direkt den Weg zu Hitler 2.0. So haben es dir, lieber Wähler, die Konzernmedien jahrzehntelang erklärt: Wahlen = Demokratie, Demokratie = Gut, Hitler = Böse, Nichtwählen = Hitler. Ist doch eigentlich ganz einfach, oder?

Nun ja, nicht ganz. Denn Faschismus und Diktatur kommen in der Regel eben nicht von dort, wo man sie erwartet. Die Tatsache, dass Unbehagen herrscht, sorgt nämlich auch dafür, dass frühzeitig durch Aktivisten und Bürgerbewegungen Gegenmaßnahmen getroffen werden; dass aufgeklärt und diskutiert wird. Und auch wenn in einigen deutschen Käffern rechtsextremes Gedankengut auf dem Vormarsch ist, ist die Gesamtgesellschaft – auch bei dem anstehenden ökonomischen Niedergang – eben nicht in erster Linie durch eine NPD- sondern durch eine EU-Gouverneursratsdiktatur gefährdet.

Man kann solange man will auf Extremisten, die letztendlich auch nur eine Randgruppe unter vielen sind, herumhacken, unsere Freiheit ist vom Status quo weit mehr gefährdet, als von diesen meist eher schlecht gebildeten Bevölkerungskreisen. Und wer verteidigt den Status quo? Richtig, du, der Wähler!

Denn Wählen heißt, einem politischen System die Legitimation zu erteilen, weiterhin in absolut skrupel- und verantwortungsloser Art und Weise über unser aller Schicksal zu richten. Wählen heißt überforderte Parlamentarier dafür zu benennen eine mutmaßlich höchst korrupte Regierung zu „kontrollieren“, was alleine schon dadurch ad absurdum geführt wird, dass die parlamentarische Legislative zu weiten Teilen längst mit der Exekutive verschmolzen ist.

Von diesem Klüngel einmal abgesehen heißt „Wählen“ aber auch, ein politisches System zu legitimieren, das es längst als „normal“ betrachtet, Gutachten, Gesetzestexte, Reden, etc. direkt von Lobbygruppen anfertigen zu lassen. Berufspolitiker, die man nun wirklich besser „Politdarsteller“ nennen sollte lesen diese Texte oft nur noch ab bzw. vermitteln zwischen widersprüchlichen Lobbyinteressen.

Nichtwählen heißt hingegen, einem solchen System die Legitimation zu entziehen. Nichtwählen heißt seine Stimme nicht abzugeben, und eine Stimme, die man nicht abgibt, kann man erheben. Mann kann seine Stimme erheben, um beispielsweise stumpfe rassistische oder extremistische Parolen zu widerlegen. Man kann seine Stimme auch erheben, um seine Mitmenschen über ein zutiefst ungerechtes und undemokratisches Geldsystem aufzuklären. Man kann seine Stimme erheben um Korruption und Lobbyklüngel anzuprangern und man kann seine Stimme erheben um zu zeigen, dass grundsätzlich nur das geschieht was wir zulassen.

Du, lieber Wähler, machst es dir da schon einfacher. Du gibst deine Stimme ab, bezeichnenderweise in eine Urne, und redest dir ein, durch diesen Akt deine „demokratische Pflicht“ erfüllt zu haben. Das hat man dir auch so erzählt, das mit der „demokratischen Pflicht“. Leider erkennst du diese Propagandalügen nicht einmal als solche. Denn andauernde Propaganda macht stumpfsinnig. Du ziehst es vor, aus diesen manipulativen Leitsätzen deine Borniertheit zu speisen, die Grundlage deines Irrglaubens ist, ausgerechnet mich, den Nichtwähler, als Anti-Demokraten bezeichnen zu dürfen.

Du siehst weder die Aufklärungsarbeit die der Nichtwähler leistet, und fragst schon gar nicht nach den Hintergründen seines Wahlboykotts. Du plapperst einfach nur nach, was dir „Experten“ bei Illner und Plasberg sagen. Du bist der wahre Anti-Demokrat.

Ich werde meine Stimme nicht abgeben, ich werde sie weiter erheben.



(Veröffentlicht bei le bohémien.net)

Freitag, 9. Juli 2010

Rauchzeichen.

Sebastian Frankenberger wollte schon immer die Welt verändern. Nun hat er es als abgebrochener Theologie-Student, kostümierter Tourismus-Führer in Österreich, als NLP-Therapeut (sic!), als erfolgloser Videojournalist und Aktivist der kleinen ÖDP geschafft: Der „Independence Day“ hat in Bayern eine ganz eigene, deutsche Gewichtung bekommen. Der am 4. Juli stattgefundene Volksentscheid beschert dem Freistaat ein gepflegtes Nichtraucherschutzgesetz. Offensichtlich ist es dabei unerheblich, dass der bayerische Volksentscheid von einer, meines Erachtens, rechts-grünen Sekte, der Ökologisch Demokratischen Partei, durchgekämpft wurde. Was diese Gruppierung zu Mobilfunk, Gentechnik und anderen Gesundheitsthemen verbreitet, hat viel mit Esoterik und nichts mit Wissenschaft zu tun. Gewonnen haben 13,8 Prozent, also ein gutes Zehntel der Wahlberechtigten.

Offensichtlich zeigt der von den Erfolgreichen ins Feld geführte Sieg der Demokratie genau die Schwächen der Ebensolchen auf. Vermutlich standen schon um 7 Uhr morgens die ersten Aktivisten vor den Urnen – früh aufstehen können sie ja. Schließlich waren der Abend und die Nacht möglicherweise eher langweilig. Außerdem ist man es ja gewohnt, vor dem müsligeschwängerten Frühstück mit der jungen Familie und dem nachfolgenden, karriere-orientierten Schaffen eine Runde zu joggen. Also auf ins Wahllokal.
Dagegen lag die gegnerische Mannschaft wohl noch verkatert und ausgelaugt in den Federn. Und konnte sich auch im weiteren Verlauf des Tages nicht dazu aufraffen, der demokratischen Pflicht und dem eigenen Interesse nachzukommen. Viel zu verführerisch war die Verheißung eines entspannten Sonntags mit Ausschlafen, üppigem Frühstück und einer leckeren Pfeife auf der sonnendurchfluteten Terrasse.
Aber genug der hier erlaubten Polemik. Alte Einlassungen meinerseits gibt es schon hier.

Überhaupt entwickelt sich das Anliegen „Gesundheitsschutz“ zur Blankovollmacht für Eingriffe des Staates ins Privatleben. Gesunde Ernährung und sportliche Fitness sind zum sittlichen Imperativ geworden und werden von immer mehr Politikern als Staatsaufgabe betrachtet. Obwohl es zur gesundheitlichen Wirkung der als gut definierten Ernährungsweisen und des Sports als allein seeligmachende Faktoren kaum gesicherte Erkenntnisse gibt. Gesundheitsbewusstsein ist zum Kompass für Gut und Böse geworden, wie früher der christliche Glauben. Einst ging man in die Kirche, jetzt zelebriert man Ernährungsregeln und Körperkult. Die Sünde lauert nicht mehr im Bett, sondern auf dem Esstisch.

Seinen Erfolg kommentierte Frankenberger übrigens mit den Worten: „Auf diesen Sieg stoßen wir jetzt an“. Dann mal - Prost. Denn mit dieser Tradition könnte es auch bald vorbei sein.

Um ein bisschen mehr Medienpräsenz zu bekommen und dem Vorhaben, die Welt zu verändern, plane ich Volksbegehren in Sachen gegen „Bier trinken“, „Rockmusik hören“, „Oben-Ohne-Bräunen“ und „Lachen außerhalb des Kellers“. An den Aktionen „Nein zu schädlichen Emissionen von Volvo-Fahrer“ und „Gegen albern kostümierte Stadtführer in Österreich“ arbeite ich noch.

Sonntag, 25. Oktober 2009

Gesundheit - Ein Briefwechsel.

19.10.09

Sehr geehrter Herr Schmidt,

wann haben Sie das letzte Mal etwas für Ihre Gesundheit getan?

Ein Mann, der zu beschäftigt ist, um sich um seine Gesundheit zu kümmern, ist wie ein Handwerker, der keine Zeit hat, seine Werkzeuge zu pflegen, sagt ein spanisches Sprichwort. Männer betreiben nach den Erkenntnissen der DAK Reparaturmedizin. So schleppt sich der überwiegende Teil erst dann zum Arzt, wenn es nicht mehr anders geht.

Erkennen Sie sich wieder? Dann fördern wir gerne Ihr Gesundheitsbewusstsein.

Anlässlich des Aktionsmonats „Männergesundheit und Vorsorge“ des Göttinger Ärztevereins für ambulante Prävention und Rehabilitation laden wir Sie

am Sonntag, dem 8. November 2009-10-25 in der Zeit von 10:00 Uhr bis 13:00 Uhr ins Cinemaxx Göttingen ein.

Im Anschluss an kurze Vorträge zum Thema Männergesundheit ist Gelegenheit für Gespräche und Informationen mit den Ärzten aus unterschiedlichen Fachrichtungen und der DAK, die einen Dialog aus unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht.

Im Rahmen der Veranstaltung sehen Sie und Ihre Begleitung exklusiv den Film „Männerherzen“ mit Til Schweiger – natürlich kostenlos –

Nutzen Sie für sich diese Gelegenheit. Wir freuen uns auf Sie.

Freundliche Grüße

Ihre DAK
-Team Kundenbetreuung-


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24.10.09

Liebe DAK,

Lachen soll ja sehr gesund sein. Also vielen Dank für obiges Schreiben.

Nachdem ich nun wieder bei Atem bin, möchte ich doch mit einer detaillierten Rückantwort auf einige der angesprochenen Punkte eingehen.

Um Ihre rhetorische Frage zu beantworten – Nein, ich erkenne mich nicht wieder. Vielmehr beschäftige ich mich sehr sensibel, fast hypochondrisch mit meiner körperlich-geistigen Konstitution. In diesem Sinne unterziehe ich mich seit einigen Jahren und mit zunehmendem Alter regelmäßig einem so genannten ‚Check-up’ bei meinem, menschlich wie fachlich herausragenden, Hausarzt. Allerdings stoßen wir dabei an, beiderseits unerwünschte, Grenzen des gemeinsamen Tuns.
Mein früher umfassendes Blutbild beschränkt sich mittlerweile auf einige übersichtliche Werte, die von Ihnen, liebe DAK, finanziert werden. Die anderen notwendigen Parameter kann er mir, der Arzt meines Vertrauens, wie ein Hütchenspieler in der Fußgängerzone, über locker sitzende Zwanzig-Euro-Scheine vertickern. Da bleibt die Leber schon mal auf der Strecke. Mein von mir seit Jahren absolviertes Kieser-Training bezahle ich selber, um so einen kostspieligen Verschleiß der Rückenmuskulatur und entsprechende Folgekosten aufzuhalten. Außerdem ertappe ich mich dabei, die verschriebenen Anti-Histaminiker, die bei Pollenallergikern ein drohendes und langfristig kostspieliges Asthma verhindern können, nicht einzunehmen, weil sie schlichtweg zu teuer sind.

Des Weiteren frage ich mich, was genau die von Ihnen in den semantischen Ring geworfene „Männergesundheit“ ist. Sprechen Sie ausschließlich den sich selbst aufopfernden Mittdreißiger an, der gegenüber seiner ‚jungen!’ Familie den anerkannten Ernährer- und Fürsorgepflichten nachkommt? Oder den maskulinen 'Macher', der sich in der Gesellschaft ständig telefonierend, joggend, Cocktail schlürfend, sozial inkompetent und Cabrio fahrend als vermeintlicher Leistungsträger positionieren kann? Ich hoffe, das gute, alte Solidar-Prinzip meint mehr.

Ihre Aufgabe ist es nicht, Ihren Versicherten an einem Sonntagvormittag kostenlos einen Film eines möglicherweise untalentierten, aufdringlichen, geschmacksneutralen und in Sachen Gesundheitsvorsorge vermutlich privat versicherten Mimen zu präsentieren.

Fällt Ihnen was auf?

Na?

– Richtig: Ihr Schreiben ist ein Witz. Ein aufgeblasener PR-Ballon, der die Realitäten ad absurdum führt. Eine schicke Maßnahme, die an den Realitäten vorbei führt. Ein Tritt in den Arsch aller normal Versicherten.

Dies ist nicht der Platz, um in aller Ausführlichkeit die Komplexität und Widersprüche unseres Gesundheitssystems zu diskutieren. Aber immerhin die Art und Weise Ihrer Unternehmenskommunikation.

Mit den besten Grüßen

Stefan Schmidt

Dienstag, 6. Oktober 2009

Das ist die perfekte Welle.

Mit etwas Abstand nun mein erster und einziger Kommentar zur vergangenen Bundestagswahl: Erfreuliche, neo-liberale, deregulierte Auswüchse machen sich breit. Zumindest auf'm Kiez im geliebten St. Pauli. Gut so. Und Dank für das Fundstück an Matt.

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Dienstag, 18. August 2009

Wahlweise - Wahlkampf macht Spaß.

Dass Wahlkampf Spaß macht, behauptet zumindest SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier. Und zwar in dem am Sonntagabend von RTL ausgestrahlten Townhall-Meeting, was unabhängig des windschnittigen Titels letztlich eine Bürgerfragestunde war.

„Die Menschen kommen zuhauf und sind neugierig auf das, was wir vorzuschlagen haben“, so der Vizekanzler zum Wahlkampf.

„Vorzuschlagen haben“ kann zum Beispiel so aussehen: Hertie schließt. Und Herr Rose, Gast der Sendung, war bis dato 30 Jahre dabei, wird nun arbeitslos. Der SPD-Kanzlerkandidat reagiert: „Das ist ’ne Zäsur. Wenn man Kinder hat, ist die Verantwortung noch ein bisschen größer [ … ]. Ich fahr’ an vielen Kaufhäusern von Hertie vorbei, wo es jetzt morgens dunkel sein wird.“ Dann kommt das, worauf laut Steinmeier die Menschen neugierig sind – auf das, was die Politiker vorzuschlagen habe. Und da geht der Kanzlerkandidat auf’s Ganze, gibt Butter bei die Fische, zeigt, wo Bartels den Most holt: „Sie können gut mit Kunden umgehen, da wünsche ich ihnen viel Kraft. Und mit Mitte 40 da geht ja noch was. Rücken sie den Mitarbeitern der Arbeitsagentur auf die Pelle.“

Hatten im Mai bei entsprechender Produktion mit der Perle aus der Uckermark Angela Merkel schon nur sehr überschaubare 1,55 Millionen Zuschauer eingeschaltet, so holte Frank-Walter Steinmeier am Sonntag sogar nur 810.000 Zuschauer vor den Bildschirm. Der deutlich niedrigere Wert lag sicher an der durch die Urlaubszeit ohnehin schwachen TV-Nutzung und der Leichtathletik-WM. Doch damit lassen sich die niedrigeren Werte nur zum Teil erklären. Egal ob Merkel oder Steinmeier - die Menschen sind, unabhängig der Partei, offensichtlich entweder oberflächlich desinteressiert oder einfach müde. Und das wohl mit gutem Grund. Der Marktanteil lag mit 4,0 Prozent beim Gesamtpublikum auf einem katastrophalen Niveau.
Zum einen sind die Menschen wohl doch nicht so neugierig. Zum anderen kann man froh sein, dass nicht mehr Interessierte die blassen, unnötigen Auslassungen verfolgt haben.

Vorschlag: Der Wahlkampf fällt aus wegen Belanglosigkeit, Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit.

Eigentlich schade drum.

Sonntag, 16. August 2009

Ferienende.

Der Sommer klingt so langsam aus. Von der hysterischen Blüte, knalligen Sonne und drückenden Schwüle der vergangenen Wochen bleiben angenehme Milde und warmes, ruhiges Licht. Zeit, sich wieder an die Arbeit zu machen.


Lassen Sie mich locker einsteigen. Mit einem skurrilen Fundstück.


frank-sauerzweig-schoene-ferien


Keine Sorge, der Drops ist gelutscht. Das Plakat stammt aus dem vergangenen Jahr und wurde von der SPD Siegburg mittlerweile ausgemustert.

Bleibt allerdings die Frage, ob und wie kompetent Agenturen sind, die so etwas kreieren. Und die ungerührte Feststellung, dass es eben nicht reicht, ‚irgendwas mit Medien’ machen zu wollen. Obwohl: Die perspektivische Achse Kind - Mann – Kirche ist kompositorisch schon vom Allerfeinsten.

Samstag, 13. Juni 2009

Ein ehemals unanständiger Deutscher.

Als Journalist habe ich Michael Spreng immer unter handwerklichen Gesichtspunkten geschätzt, war ihm aber inhaltlich und methodisch mehr als entfernt - zeitweise war er ein, sportlich akzeptiertes, Feindbild. Ich bin aber objektiv und differenziert genug, sein nun etwa ein viertel Jahr bestehendes Blog durchaus als Bereicherung zu empfinden. Er hat eine Springer-Presse gestählte klare Sprache, bringt Dinge, im Gegensatz zu manchen politisch korrekten, und damit oft verquasten Aussagen oder einer neo-liberalen Rumschwurbelei, auf den Punkt. Außerdem sind seine intimen Kenntnisse unbestritten und können immerhin eine andere Farbe in das bunte Gemisch der Informationen bringen. An seinen Kommentaren und Bewertungen schätze ich mittlerweile gerade die stringente Aussage, die die politischen Themen dahin zurückholt, wo sie hingehören - zu den Menschen. Letztlich kochen auch und gerade unsere Volksvertreter auch nur mit Wasser. Und unsere Eliten, Meinungsmacher oder Prominenten sind in der Regel nicht außergewöhnlicher, als der halbwegs gebildete und informierte “gesunde Menschenverstand”. In diesem Zusammenhang schätze ich - und diesen Satz hätte ich mir vor 10 Jahren nicht zugetraut - die klaren, aufgeräumten Kommentare Michael Sprengs.
Vor diesem Hintergrund habe ich bei Sprengsatz einen Kommentar gepostet, der sich im Zusammenhang auch für die Notizen eignet.

"Zum Zustand der SPD sind alle, im besten Sinne, bemühten Analysen und Bewertungen meiner Ansicht nach obsolet. Gehen sie doch von einer grundsätzlichen Relevanz dieser Partei aus. Hier liegt der Hase im Pfeffer.
Als Jahrgang '68 bin ich als SPD-Anhänger sozialisiert worden. Bis in die 90er Jahre war die Partei immer eine Partei der Arbeiter und der sozial orientierten Mittelschicht. Und hatte damit ihre historisch gewachsene Berechtigung. Diese grundlegenden historischen Strukturen existieren aber seit mindestens 10 Jahren nicht mehr. Die "linken" oder besser "nicht konservativen" Milleus haben sich "dank" der 68er-Bewegung und dem propagierten alleinseeligmachenden Pluralismus weiter diffenziert und sind in kleinen Parteien und Splittergruppen oder gar in individuell positionierten Haltungen aufgegangen. Schaut man sich heute die gesellschaftliche Verteilung "linker" Sympathisanten an, würden sie immer noch eine Mehrheit in der gesellschaftlichen Gesamtheit bilden, ordnen sich aber im "pluralistischen" Sinn unterschiedlichsten Strömungen zu. Das "konservativ-bürgerliche" Lager schafft es dagegen weiterhin, seine Klientel unter einen Hut zu bringen. Weniger verquast: Die historisch so wichtige SPD hat gegenwärtig keine Existenzberechtigung mehr. So deutlich muss das gesagt werden. Und vor allem sollte das von den führenden Parteiverantwortlichen auch verstanden werden. Der Wähler, die Bevölkerung, die Menschen - wie auch immer - haben dafür ein, möglicherweise unreflektiertes, aber stimmiges Gefühl. Und niemand in der Partei erkennt das oder nennt es beim Namen. Noch wahrscheinlicher ist aber meine These der funktionellen Struktur. In der SPD, wie in allen anderen Parteien, herrscht ein immanentes Machtstreben einzelner Personen vor, das eine visionäre und damit grundsätzliche Umorientierung ausschließt. Diese wäre aber dringend nötig, um einer linken, sozialen Partei eine neue Berechtigung zu geben.
Im tagesaktuellen, gleichgeschalteten Kampf von Positionen, Haltungen und Richtungen ist für die gute, alte Tante SPD zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach kein Platz mehr. Das zu erkennen, erfordert außerordentliche Selbstreflexion, historischen Verstand, Selbstlosigkeit und vor allem Weitsichtigkeit. Erst mit diesen Eigenschaften kann sich mittelfristig eine neue Volkspartei links der "merkelschen" Gemütlichkeit etablieren. Die SPD in ihrer jetzigen Form hat sich überlebt. Basta."

Als immer noch politisch interessierter und allgemein engagierter Mensch, unterstütze ich Bestrebungen, so genannte "Enthaltungen" bei Landtags- und Bundestagswahlen zu installieren. Also eine Wahrnehmung der "staatsbürgerlichen Pflichten" ohne konkrete Zuordnung einer zugelassenen Partei. Aber mit statistischer Wertigkeit in Bezug auf die tatsächliche Stimmen- und damit Sitzverteilung. Dieses würde meiner Ansicht nach die Wahlbeteiligung erhöhen und der allgemeinen, undefinierten "Politikverdrossenheit" entgegenwirken.

Dienstag, 9. Juni 2009

Wunderbar.

TV im Juni '09. Heute "Mission Hollywood" auf RTL gesehen. Fatalistische Kenntnisnahme willenloser Prostituition. Till Schweiger unterläuft in Sachen Vorurteil die vermutete Peinlichkeitsgrenze und wird Limbo-König des schlechten Geschmacks. Clooney hat, nicht prüde, "Sex sells" in der flachsten Form konsumiert. Ohne Worte. Lustlos. Appetitlos. Antriebslos. Deshalb: ...Flashback.

Als die Stiefelschäfte noch aus Schweinsleder waren. Als die Brüste der Mädchen noch Geheimnisse waren. Als man Phatt noch mit "F" und "E" schrieb. Als Stand-Up-Comedians noch Kabarettisten hießen. Und auch solche waren. Als Possenreißer noch keine Olympia-Stadien füllen mussten. Als die SPD mit Recht noch mehr als 20 % der abgegebenen Stimmen erhielt. Als man im Kino (und in Kneipen) noch rauchen durfte. Als man Peter Alexander noch hassen konnte.

http://www.amazon.de/gp/mpd/permalink/mQ2SWKVQ4VRJJ

Früher war alles viel früher.

Dienstag, 19. Mai 2009

...böse Menschen haben keine Lieder.

Wie unerträglich und letztlich entbehrlich die FDP ist, zeigt sich, trotz medial aufgeblasenen Triumpfmarsches Guido Westerwelles, durch Zwischentöne.

Der FDP-Politiker Hans-Joachim Otto hat in der 'B.Z” den Rückzug Deutschlands aus dem Eurovision Song Contest gefordert, weil die Veranstaltung „unerheblich und entbehrlich” sei. Er habe, so Otto, „den Grand Prix mittlerweile aus [seinem] privaten Kalender gestrichen.” Interessant, dass er überhaupt eingetragen war. Und möglicherweise ist er in seinem Dienstkalender auch noch vorhanden. Vielleicht auch nicht. Wer will das wissen? Es sei Ihnen im Sinne einer liberalen Geisteshaltung gestattet.

Dass in einem aktuellen Wahlspot zur Europawahl am 7. Juni just Bilder vom Grand Prix in Kopenhagen auftauchen (01.04 min. )und diese als politische Leistung der FDP interpretiert werden, zeugt allerdings von der typischen Chuzpe der 'Liberalen'.

Werte Frau Hamm-Brücher, lieber Herr Baum: Die etwas Älteren wissen Ihre historische Leistung und Ihre liberale Haltung durchaus zu schätzen. Auch ohne eine zwangsläufige Verknüpfung mit Frau Uschi Silvana von Koch-Mehrin und Dirk Niebel. Oder Herrn Otto.

Freitag, 15. Mai 2009

Neulich in der Bundestags-Kantine.





Im Zusammenhang mit dem aktuellen Bericht der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing wird erneut über eine Erhöhung der Alkoholsteuer nachgedacht, besonders der Jugendalkoholismus soll mit dieser Maßnahme bekämpft werden. Nicht nur für den Weinmacher und Blogger Dirk Würtz ist das „versteckte Prohibition“ und schlicht der falsche Weg. Darum hat der engagierte Winzer jetzt die Initiative "Alkoholsteuer nein danke!" gegründet und sammelt über eine eigens dafür geschaffene Website Unterschriften für eine Petition, die er Sabine Bätzing überreichen will.

Durch die staatlich verordnete Verteuerung von alkoholischen Getränken nach skandinavischem Prinzip entstehen Brauern, Winzern, Produzenten und Gastronomie immense wirtschaftliche Schäden, erklärt Würtz: „Ein skandinavisches Alkoholsteuermodell in Deutschland würde einen in vieler Hinsicht bedeutenden Wirtschaftszweig in existenzielle Nöte bringen und über Jahrhunderte gewachsene Konsumkulturen zerstören, die auch Teil unseres kulturellen Lebens und unserer europäischen Identität sind.“

Zudem müssten künftig mündige Bürger für die Versäumnisse von Politik und Gesellschaft in Sachen Drogenprävention bezahlen. Denn beim Jugendalkoholismus handelt es sich, so Würtz: „…um Auswüchse eines sozialen Problems, dessen Wurzeln gesellschaftspolitischer Natur sind. Wenn Sie Alkoholproduzenten jeglicher Art als schuldige Buhmänner für derartige Exzesse hinstellen, machen Sie es sich zu einfach. Die Alkoholindustrie, die Weinwirtschaft und die Brauereien durch hohe Steuern für das zu bestrafen, was die Politik und die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten versäumt hat, ist nichts als politische Augenwischerei und populistisches Wahlkampfgetöse.“

Statt dessen fordert Würtz:„…konsequentes Anwenden der Jugendschutzgesetze sowie der bereits bestehenden Bestimmungen für den Alkoholverkauf, Druck auf die Eltern ihrer Verantwortlichkeit nachzukommen statt diese auf den Staat abzuschieben, verbesserte Aufklärung und Erziehung in den Schulen.“

Wenn Sie ähnlich denken und Dirk Würtz unterstützen wollen, können Sie sich auf alkoholsteuer-nein-danke.de registrieren und dort die Petition unterschreiben, oder in Blogs, Foren, per Mail und über Einbettung/Verlinkung der angebotenen Banner auf Ihrer Website potentielle Mitstreiter auf die Initiative aufmerksam machen. Blogs wie drink tank, talk-about-wine, yoo press, best-of-wine.com, Kreuznach Blog, Restaurantkritik.de, weinfreaks.de, Wein-Ratgeber.de, Nikos Weinwelten, Getränkereport, die Deutsche Getränkewirtschaft etc.. unterstützen die Initative bereits.

Der Text wurde direkt von Herrn Paulsen übernommen. Im Sinne der Lebensfreude und gegen jegliche sachlich-vertrocknete, kurzsichtig-populistische und ungebracht-weltfremde Politik stoße ich mit eben jenem Herrn Paulsen mit einem hervorragenden Riesling an.

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