Medien

Freitag, 16. Dezember 2011

Das Schiff singt.

Wie man ein viel versprechendes Konzept und einen gut gemeinten Ansatz im Sinne des unternehmerischen Gedankens und des gesellschaftlichen Mainstreams so richtig gegen die Wand fährt, zeigt heute ‚Voice of Germany’. Hoch gelobt ob seines musikalischen Ansatzes und der sachlichen Umgangsformen, fällt das Format mit seiner siebten Folge in die Untiefen der zeitgenössischen Unterhaltungskultur. Ein Abrutschen in die seit Jahren etablierten Sehgewohnheiten waren schon in den vergangen Folgen sichtbar. Emotionalisierende Side-Storys, irritierende Audience-Zwischenschnitte und künstliche Dramatisierung abseits des reinen Gesangs, der reinen Performance wurden schon etabliert. Nun werden die so genannten ‚Battles’ inszeniert – und verraten damit jeden Glauben an die Musik. Denn Musik ist immanent kein Gegenstand von Kampf, Sieg und ‚höher, schneller, weiter’-Denken. Mit aber genau diesem Ansatz katapultiert sich das Format in die unappetitlichen Tiefen des unreflektierten Leistungsgedanken einer von Neo-Liberalismus durchsetzten Gesellschaft, in der es im obigen Sinne nicht lohnenswert ist, gemeinsam zu musizieren, sondern sich als ‚Star’ und kommerziell erfolgreiches Produkt zu platzieren. Wie perfide ist die Idee der für die Konzeption verantwortlichen Produktion EnDeMol, jeweils zwei hervorragende Sänger gegeneinander antreten und einen von beiden ausscheiden zu lassen? Ohne eine wirkliche Vergleichsmöglichkeit, ohne das Verständnis für individuelle Ausdruckskraft.
Umso nervender die sich in Superlativen und Phrasen ergehenden Kommentare der Juroren. Und wie entlarvend. Denn das ganze schöne Geschwätz von Ausdruckskraft, Persönlichkeit und Leidenschaft einer nöhlenden Nena oder eines schmierigen Xavier Naidoos entpuppt sich als Gelaber eben nicht Musik liebender, sondern selbstverliebter Karrieresänger.
Neben diesen, zugegebenermaßen sehr kulturkritischen Aspekten, begeht EnDeMol aber auch einen taktischen Fehler im TV-Geschäft. Sie binden nämlich den Zuschauer nicht durch Polarisierung der Emotionen, sondern lassen ihn im besten Fall ob der Ungerechtigkeit der Entscheidung verstört zurück. Ein schmuckes, neues Casting-Show-Format entpuppt sich als des Kaisers neue Kleider.

Freitag, 25. März 2011

Echolot.

Es ist doch zum in die Tischkante beißen.

Da kommentieren unsere Leitmedien die gestrige Echo-Verleihung. Die Bandbreite geht dabei von 'Ach,...Take That. Ach,... Lena' über 'Alles so kommerziell und langweilig' bis zu 'Alles so deutsch und überhaupt: Nur Nischen zählen'. Was soll das?

1. Es ist allgemein bekannt, dass der Echo zum großen Teil über die Verkaufszahlen ermittelt wird und eine Veranstaltung der Industrie ist. Das kann man im besten Fall kritisieren. Und dann einfach ignorieren. Das Fähnchen 'Ich bin so nischig' zu schwingen ist bemüht und geht am Thema vorbei. Schließlich meckere ich auch nicht darüber, dass es bei McDoof nur Fast Food gibt.

2. Man kann Ina Müller mögen. Muss man aber nicht. Dass aber genau die, die immer die Spießigkeit der deutschen Preisverleihungen kritisieren, sich im selben Atemzug über die Schnoddrigkeit und wenig feierliche Moderation aufregen, kann ich nur mit der Attitüde 'ich bin so nischig' erklären.

3. Ein Medley bekannter Hits aus 20 Jahren von der Moderatorin mit unterschiedlichen und geschickt choreografierten Duettpartnern gesungen, eine kampfeslustige Andrea Berg, eine toll inszenierte Peter Alexander-Hommage, eine charmant schüchtern-mädchenhafte Annette Humpe, ein zotiges Spiel der Moderatorin mit den Herren Plattenbossen ("Kann ich mich mit 45 noch hochschlafen?", "Ich hoffe, das ist Ihr Hotelschlüssel, was ich da am Po spüre") und ein fröhlicher Grönemeyer sind also schlechte Unterhaltung?

Man kann eine solche Veranstaltung kritisieren. Man kann sie als nicht wirklich musikaffin definieren. Man kann den Verzicht der authentischen Nischen einklagen. Man kann einen geschmacklichen Fehltritt konstatieren. Aber man sollte im Vorfeld einen konzeptionellen Ansatz für seinen Artikel haben. Und eine Meinung publizieren. Sämtliche Beiträge, die ich gelesen habe, ob SPON, ZEIT, WELT oder Tagesspiegel sind nicht nur Zeugnisse eines wenig journalistischen Rumgeschwurbels ewiger Volontärinnen (interessanterweise ausnahmslos junge Frauen), sondern auch handwerklich unter aller Sau. Werte Nischen-Mädels, gestattet mir, auf die heftigsten Ausrutscher hinzuweisen:

1. Der Medley ist vielleicht euer Vollbart-tragender und Bionade-trinkender Kollege am Schreibtisch gegenüber. Das musikalische Potpourri heißt 'das' Medley.

2. Sich umgangssprachlustig machen ist eine Superidee. Aber demnächst bitte vorher nachschlagen (geht auch online): Es sollte Logorhö (oder Logorhöe) heißen.

3. 'Ideal' war mitnichten Humpes erste Band. Die hieß 'Neonbabies' und hat 'Blaue Augen' ursprünglich eingespielt. Als Nischenkenner solltet ihr das wissen.

Mittwoch, 22. September 2010

Nebulös.

Wenn am Samstag die Carmen Nebel-Show zur großen Spenden-Gala für die Deutsche Krebshilfe über die Bühne geht, werden Silly nicht dabei sein. Die Band wurde eine Woche vor dem Sendetermin ausgeladen. Carmen Nebels Produktionsfirma TeeVee GmbH begründet dies mit „Verletzungen der Exklusivrechte“, so ein Sprecher der Band.

Die Musiker machen ihrer Enttäuschung auf ihren Websites und auf Facebook Luft. Das ist nachvollziehbar, war doch gerade die Band in ihrer Vergangenheit immer wieder unmittelbar von Krebsleiden betroffen. Insbesondere der Krebstod der legendären Frontfrau Tamara Danz im Jahr 1996 hat damals nicht nur Musik-Fans erschüttert. Mit diesem traurigen Gepäck wären Silly wohl ideale Botschafter für eine solche Spenden-Gala gewesen.

Eine Stellungnahme seitens der Produktionsfirma habe ich bis heute trotz freundlicher Anfrage nicht bekommen. So kann über die angeblichen juristischen Aspekte nur spekuliert werden. Vermutlich sind mit der „Verletzung der Exklusivrechte“ zeitnahe Auftritte des Acts in anderen Produktionen gemeint. Tatsächlich sind Silly zurzeit im TV fast omnipräsent. Keine aktuelle Show, die nicht gerne einen Auftritt einbindet. Neben der besonders sympathischen Ausstrahlung der Band, verkaufen sie momentan eben auch ihr Album „Alles Rot“ sehr gut: Erfolgreiche Band in TV-Show - so ungewöhnlich ist das nicht.

Außerdem werden ein Großteil der Formate, in denen Silly auftreten vorproduziert. Auf den Zeitpunkt der Ausstrahlung der Aufzeichnung hat die Band keinen Einfluss, kann also bei entsprechenden Vertragsverhandlungen schwer zur Rechenschaft gezogen werden.

Wenn im Sinne einer hochwertigen Showproduktion, welche die Carmen Nebel-Show bestimmt sein möchte, auf Exklusivität Wert gelegt wird, damit das Ganze eine besondere Note bekommt, dann hätte man das inhaltlich lösen können: Auf die Präsentation der aktuellen Single verzichten und stattdessen eine andere, passende Nummer des aktuellen Silly-Albums präsentieren können. Warum nicht zum Beispiel die Danz-Hommage „Sonnenblumen“. Das wäre geschmackvoll gewesen und hätte dem Anlass entsprochen. Die TeeVee GmbH nennt unter anderem die Universal als zuverlässigen Geschäftspartner. Die Universal ist auch die Plattenfirma von Silly (Island). Da hätte man sicherlich einiges auf dem kurzen Dienstweg regeln können.

Es bleibt ein Geschmäckle, dass hier unter dem moralischen Deckmantel doch nur die eigene Eitelkeit gepflegt wird. Dass authentische Gäste aufgrund rechtlicher Spitzfindigkeiten ausgeladen werden, zeugt nicht gerade von der ernsthaften Haltung der Produktionsfirma gegenüber dem zentralen Thema der Sendung, der Unterstützung der Deutschen Krebshilfe. Dabei sollte doch im Vordergrund stehen zu informieren und möglichst viel Spendengelder zu akquirieren. Da wären Silly genau die Richtigen gewesen.



Nachtrag: Soeben, 23.09.10, 17.23 Uhr bekam ich eine Antwort auf meine Anfrage bei TeeVee. Gegenstand sind die genannten Exklusivrechte. Die Produktionsfirma betont deren Üblichkeit, "diese Exklusivitäten sorgen dafür, dass der Zuschauer eine Programmvielfalt erleben darf, d.h. nicht auf allen Kanälen musikalische Wiederholungen, sondern stattdessen immer wieder neue und einzigartige TV-Erlebnisse serviert bekommt. Auch der Band Silly, ihren Managements und ihrer Plattenfirma ist dies bekannt." Gleichzeitig wird betont, dass "die von „Willkommen bei Carmen Nebel“ am flexibelsten angewandt werden, eine Vielzahl von Sendungen ganz von der Exklusivität ausgenommen sind und zusätzlich immer wieder Ausnahmen gemacht werden (siehe den Silly-Auftritt bei der Goldenen Henne)." Diese Ausnahmen galten aber nicht für "TV Total", "Inas Nacht" und "Das Quiz der Deutschen".

Im Sinne der von mir gepflegten handwerklichen Sorgfaltspflicht sei auf diese Stellungnahme verwiesen. Und das Ganze scheint auch nicht mehr so "nebulös".

Der Ansatz meines obigen Textes wird im Kern davon allerdings nicht berührt.

Sonntag, 8. August 2010

Steffen seibert for nothing.

... and the Chicks for free – möchte man, einen alten Dire Straits-Song zitierend, anmerken. Das mit den Chicks soll Vermutung und Sache von Steffen Seibert bleiben. Seine Tätigkeit als Regierungssprecher, die er nächste Woche aufnimmt, soll aber öffentlich diskutiert werden.

Formal mag der ganze Vorgang richtig und stimmig sein. Und historisch übrigens auch kein Novum. Friedhelm Ost (ZDF), Bela Anda (BILD), Peter Boenisch (BILD), Uwe Karsten Heye (SZ) – man könnte die Liste noch erweitern. Aber derlei gilt nicht bloß als Jobwechsel, sondern als endgültige Aufgabe eines Berufswegs. In der Tat gibt es kaum Journalisten in Deutschland, die Pressesprecher wurden und später noch einmal den Weg zurück in den Journalismus fanden.
Das Grundproblem bleibt also bestehen: Mit Steffen Seibert wird ein Premium-Gesicht eines öffentlich-rechtlichen Senders (ZDF) Regierungssprecher einer konservativ-liberalen Koalition. Seibert hat sich zu einer medial herausragenden Person empor gearbeitet. Immer im selben Haus. Vom Volontär über den Auslandskorrespondenten bis zum Anchorman. Als Journalist, der Nachrichten präzise und verständlich präsentiert, der ohne Schnickschnack, ohne bemühte Witzigkeit und Welterklärgestus die Sachverhalte darstellt. Der Mann vom Zweiten in der ersten Reihe.

Dieser Mann lässt nun verlautbaren: Er habe eine persönliche Entscheidung getroffen und nehme die Aufgabe „gerne an, weil ich überzeugt bin, dass die Bundesregierung unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel die richtigen Schwerpunkte setzt, um unserem Land in diesen schwierigen Jahren eine gute Zukunft zu sichern“.
Applaus und Respekt für eine klare Haltung. Die Haustür zu seinem Job als Journalist hat sich Seibert damit aber wohl zugeschlagen.

Interessanterweise hat sich Steffen Seibert bei seinem eher vertikalen Karrieresprung aber eine Hintertür offen gehalten. Fast ein Scheunentor. Hat er doch laut FOCUS und nach bestätigten Angaben seines bisherigen Arbeitgebers eine Option auf Rückkehr zu dem Sender. Das mag angesichts der jüngst veröffentlichten Umfragewerte zur Schwarz-gelben Koalition klug sein. Regierungs-PR ist ein Saisongeschäft. Vor allem aber ist es erstaunlich, in welch komfortablen Umfeld sich einige ‚Big Shots’ immer noch bewegen können. Außer Lehrern, Top-Managern und Fernsehköchen fallen mir nur wenige Berufsgruppen ein, die so geschmeidig Neues ausprobieren können, ohne dabei ein hohes berufliches und existenzielles Risiko einzugehen. Man stelle sich nur die ALDI-Kassiererin vor, die vielleicht gerne einen Hunde-Salon eröffnen möchte, bei Erfolglosigkeit aber eine Garantie auf ihren Scannerposten in Recklinghausen-Süd hat.

Außerdem ist im Fall Seibert natürlich die Konstellation des Jobhoppings besonders bemerkenswert: Ein Journalist, der mit aller nötigen Objektivität und handwerklichen Distanz das tagesaktuelle Nachrichtengeschehen präsentiert, analysiert und bewertet macht sich gemein mit einer parteipolitischen Ausrichtung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Werten. Wie soll so jemand jemals wieder seine ursprüngliche Tätigkeit aufnehmen? Eine Rückkehr zu ‚heute’ oder dem ‚heute-journal’ müsste ausgeschlossen sein, wenn sich das ZDF nicht erneut einer schmerzhaften Diskussion zum Thema „Politische Einflussnahme in redaktionelle Vorgänge“ aussetzen und damit seine journalistische Relevanz aufgeben möchte.

Hoffnung gibt die Äußerung des neuen Chefredakteurs des ZDF, Peter Frey: „Wir bedauern, dass Steffen Seibert seine Perspektive nicht im Journalismus gesehen hat“.

Aber wer weiß: Vielleicht öffnet Herr Seibert ja im Falle eines Falles demnächst die Parkplatzschranke auf dem Lerchenberg.

Sonntag, 1. August 2010

Schmidtsommernacht.

Ach, ich liebe dieses Sommerloch. Diese angesagte Entspanntheit beim "Agenda-Setting". Diese Forciertheit der "Latent-Recherche". Dieses poetische Fabulieren im Sinne der "Rezipienten-Verarsche".

Von DWDL bis Spiegel-Online (Für Sie, lieber Leser natürlich SPON): Wir machen aus einem Furz einen Donnerschlag, aus der Mücke einen Elefanten. Und warum? Weil wir es können!

"Harald Schmidt könnte Nachfolger von Mathias Richling werden" und "Für Satire-Gipfel: Harald Schmidt soll Late Night aufgeben". Das sind die Schlagzeilen, die die so genannten Leitmedien im Juli von sich geben. Liest sich schön. Und offensichtlich lässt sich mit dem Liebling des Feuilleton noch immer Masse machen. Zumindest in besagten Schlagzeilen. In Keywords. In Tag-Clouds. Eben in der schönen, neuen Medienwelt. Das war es dann aber auch schon.

Schaut man informationslüsternd und nach seriöser Berichterstattung dürstend die Meldungen an, wird relativ schnell deutlich, dass es sich hier mitnichten um eine Nachricht, sondern vor allem um Geblubber handelt. Ein kleines Beispiel für den großen Offenbarungseid der Meinungselite.

Herr Schmidt weilt entweder in der Südsee oder kümmert sich um ein Projekt eines Provinztheaters, das er mit seiner Anwesenheit in kulturelle Höhen treiben kann. Möglicherweise, und im besten Fall, ergötzt er sich an einem Faksimile einer Fuge von Bach. Herr Boudgoust, seines Zeichens temporärer ARD-Vorsitzender (darüber und über den ÖR Rundfunk und die neue GEZ-Abgabe wird nach der Sommerpause ausführlich parliert) hat glücklicherweise nichts von sich gegeben. Ausschließlich ein "Vertreter des Senderverbundes" fühlt sich bemüßigt, das oben zitierte Sommerloch zu füllen. Mit einer "Idee", Schmidt könne doch den 'Satire-Gipfel' moderieren. Zugrunde liegt die Argumentationskette Jauch kommt - Tagesthemen bekommen festen Sendeplatz - Talks werden verrückt - Abstellgleis für Plasberg und Will - wohin mit der Satire? Bei aller Liebe - da könnte man, in aller Bescheidenheit, auch mich fragen. Mal abgesehen davon, dass die Aussagen gehaltvoller wären - eine Nachricht wäre das, zu Recht, nicht wert.

Nein, ich rege mich nicht mehr auf. Seit dem vergangenen Samstag in Duisburg, BP, der PR der Atom-Industrie, einigen eigenartigen Statements der ARGE zu Ein-Euro-Jobs und dem fulminanten Saison-Abschluss von Mutti innerhalb einer Woche rege ich mich nicht mehr auf. Auch nicht über die stümperhafte Reflexartigkeit unserer Leitmedien.

Aber -

Da geht noch was.

Sonntag, 23. Mai 2010

Love, Olaf...

Es ist wieder ESC-Zeit.

Natürlich habe ich die Vorentscheidung verfolgt und bin nach wie vor begeistert von der grundsätzlichen Ausrichtung der Veranstaltung, die in dieser Form einem solchen Ereignis und der öffentlichen Wahrnehmung gerecht wurde. Bis auf die etwas geschmäcklerische Final-Show, die mir die Freude etwas verdorben hat. Die Gründe dafür sind weiter unten zu finden.

Lena ist in Oslo angekommen und hat heute ihre erste Probe (von zweien) absolviert. Ich habe sie gesehen und fühle mich in meinen Vorurteilen bestätigt. Da ich die Nase voll hab von "Hinterher wissen es alle besser"-Vorwürfen, hier also die Chance, es im Vorfeld schon besser zu wissen - 5 Gründe, warum Lena in Oslo abkacken wird:

1. Sie kann nicht singen
Ein Faktor, der sich per se nicht als Hinderungsgrund einer ESC-Teilnahme darstellen muss. Wenn genug andere Pfeiler die Lücke stützen – Charme, Show, Brüste. Vielleicht sogar eine großartige Komposition.

2. Der Song ist schwach
Ursprünglich als (funktionierende!) Ballade geschrieben, wurden dem Song beim stümperhaften Umarrangieren alle kompositorischen Merkmale geraubt, sodass ein gewisses Nichts bleibt - keine harmonische Dramaturgie, keine Hook-Line, kein Höhepunkt. Wer sich für Details interessiert, dem sei die hervorragende (und auch dem Nicht-Musiker verständliche) Analyse von Klaus Kauker empfohlen.

3. Die Perfomance ist schwach
Wenn es nach mir geht, können alle Trickkleider, Paillettenjacken und Flammenreifen zu Hause bleiben. Nichts ist so wirksam, wie ein einsamer Interpret, der alle Blicke, Hoffnungen und Emotionen auf sich zieht (Schlagt mich, aber einen Halbton tiefer - und alles wäre perfekt). Wenn er es den kann. Dazu gehört eine ordentliche Portion Bühnenpräsenz. Lena hat die nicht. Und das kann man ihr nicht mal zum Vorwurf machen. Ihr fehlt verständlicherweise die Professionalität und die Größe des Songs im Rücken. Warum sie dann allerdings so inszeniert wird (Interpretin, 4 Backround-Sängerinnen, alle in schwarz) bleibt das Geheimnis der Macher. Ich vermute, dass sich da auch nicht mehr viel ändern wird – die Erste von zwei Proben!


4. Sie nervt
Weil sie eben nicht die nette, naive, authentische Abiturientin ist, als die sie medial so widerspruchslos gehandelt wird. Sondern vielmehr eine der vielen Teenies, die mit aller Macht in die Medien wollen. Das, was sie von anderen unterscheidet, ist die tatsächlich etwas andere Art. Sie wartet nicht mit Knastgeschichten, zerrütteten Familienverhältnissen oder einer wirtschaftlich gebrochenen Existenz auf. Im Gegenteil. Was aus einer prekären sozialen Situation noch im Sinne eines „letzten Strohhalms“ verständlich ist, betreibt Frau Meyer-Landrut aus komfortabler, bürgerlicher Sicherheit, und damit aus einem ausschließlichen Geltungsbedürfnis heraus. Ihre so spezielle Art ist im Endeffekt nur eines: Überspannt.


5. Alle sind vernebelt
Der Zeitpunkt, zu dem dieser Hype begonnen hat, lässt sich relativ klar benennen: Der erste Auftritt bei der Vorausscheidung „USFO“. Warum er sich allerdings so festgesetzt hat, bleibt mir bis heute unerschlossen. War ich doch seit dem ersten Auftritt genervt. Das ist allerdings kein Argument. Geschmäcker sind verschieden. Und ich halte mich nicht für den ästhetischen Leuchtturm – geschenkt. Nur: Unter professionellen Gesichtspunkten und der strategischen Zielsetzung „unseren Star für Oslo“ zu finden, war die überkandidelte Begeisterung schnell und erst recht im Finale unter den oben genannten Aspekten fehl am Platz. Sowohl „Dursti“ als auch und vor allem Jennifer Braun haben wesentlich mehr Potential. gerade unter den immer wieder zitierten Argumenten der Authentizität und musikalischen Originalität. Über das Prinzip des Zuschauervotings will ich mich nicht äußern – das mag sogar richtig sein, um eine breite Unterstützung eines Künstlers zu sichern. Warum aber Medienprofis wie Stefan Raab und der administrative Kreis drum herum ohne Reflexion an einem Act festhalten, bleibt ein Rätsel. Es darf nicht, was nicht sein kann – oder – es muss, was sein soll, scheint hier das Prinzip zu sein. Konkret: Warum wird Titel Nummer zwei für Jennifer Braun ("Satellite", die Original-Ballade) für Lena umgeschrieben? Warum ist der (nicht gewählte) Kür-Titel für Lena von Raab, der von Jennifer aber nicht? Hier hat sich König Lustig mal verschätzt. Warum steigen alle Medien und ihre (Pop-) kulturellen und feuilletonistischen Leitfiguren auf dieses Gedöns ein? Ein Gefühl von „väterlicher Fürsorge“? Des Kaisers neue Kleider? Das ganze wirft auch ein weiteres Licht auf den medialen Betrieb.


Ich habe mir alle Teilnehmer der diesjährigen Veranstaltung zu Gemüte geführt. Das Feld ist schwach besetzt. Mein Tipp: Die Dänen werden es machen. Denn seit Michael Holm wissen wir alle: Dänen lügen nicht.

Dienstag, 29. September 2009

Kleber macht das Fenster auf.

Die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2009 war solide. Nicht mehr und nicht weniger. Über Einzelheiten möchte ich mich nicht auslassen. Auch die, schon im Vorfeld reflexartig, viel gerühmte Moderation von 'Wolfgang und Anneliese' alias Anke Engelke und Bastian Pastewka war zwar ironisch-angenehme, aber letztlich solide Kost.

Einzig die Bemerkungen Claus Klebers sind für mich eine Notiz wert. Kleber wurde mit seiner Co-Autorin Angela Andersen für das Reportagestück 'Die Bombe' ausgezeichnet. Er nutzte die Gunst der Stunde, um auf die Qualitäten des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender zu verweisen, der auch seine aufwendige Reportage möglich gemacht hatte. "Ein Chefredakteur, der so an den Schablonen vorbei denkt und über sie hinaus denkt, ist goldwert für öffentlich-rechtliches Fernsehen. Das ZDF hat einen. Und wenn das Gute gewinnt... und der Intendant, dann hat es auch in Zukunft einen.“, sagte Kleber in seiner Dankesrede.

Damit ist allerdings nicht zu rechnen. Dass Brender einen neuen Vertrag bekommt, verhindert eine Mehrheit von Unionspolitikern und unionsnahen Vertretern im Verwaltungsrat des Senders. Die Politik hat in diesem Fall längst ihre Verabredung getroffen. Und an der ist nicht nur der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der Brender zum Abschuss freigab, beteiligt. Es ist sehr fraglich, ob Intendant Schächter tatsächlich Willens und Manns genug ist, dem politischen Druck entgegenzutreten.

Im Gegensatz vieler anderer Kommentare, finde ich die Haltung Klebers sehr ehrenhaft. Viel zu selten lehnt sich ein Protagonist eines Senders darart weit aus dem Fenster und bezieht Stellung in übergeordneten Personalfragen. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich auch den Vorwurf nicht verstehen, Kleber sei ein konturloser Karrierist. Vielmehr ist eine solche, fachlich begründete Loyalität, gerade in verstärkt auf uns zu kommenden neo-liberalen Zeiten, ein Gewinn im Kanon der wenigen, Werte prägenden Köpfe der Leitmedien.

Dienstag, 22. September 2009

Willkommen im Club.

Das, was in den USA eine Empörungwelle der typographie-affinen Klientel auslöste, scheint hier in Mitteleuropa kaum zur Kenntnis genommen zu werden: IKEA hat im aktuellen Katalog zum ersten Mal seit sechzig Jahren das stilsichere Fahrwasser der 'Futura' verlassen und sich in die Untiefen der 'Verdana' begeben.

Promt schallt es aus dem Wald der nordamerikanischen Puristen: "entsetzlich", "peinigend", "IKEA boykottieren". 'Futura', die seit 1927 existiert und aus dem Bauhaus-Umfeld stammt, gilt als zeitlos schön und kultiviert. 'verdana' ist böse. Wohl, weil sie eine Microsoft-Typo ist und damit der digitalen Lesbarkeit Tribut zollt. Offensichtlich hat IKEA hier konsequent sein CD angeglichen.

Zugegeben: Das Wort "Ivar" (für alle, die es nicht im Wohnzimmer stehen haben - es handelt sich um ein Regal) geschrieben in Verdana ist alles andere als ästhetisch. Das "I" ist nicht schlank, sondern klobig wie eine Hantel, dem "v" hat man die schneidige Spitze geplättet, das "a"scheint sich für die Rückkehr der Serifen stark zu machen - und auf dem überlangen Kragarm vom "r" könnten sich ganze Vogelschwärme niederlassen. Aber ist das ein Grund, eine gut lesbare und immer noch schick anmutende Type zu verunglimpfen?

'Verdana' ist und bleibt meine Hausschrift. Ich mag sie. Und auch zum IKEA-Katalog habe ich schon ein Scherflein beigetragen. Und da fallen mir andere Dinge ein, an denen man arbeiten könnte. In diesem Sinne fordere ich ab sofort eine Diskussion zu dem im Wording inakzeptablen skandinavischen 'Du'. Da sollte was getan werden.

Ansonsten liebe Puristen: Wir sprechen hier zwar von einem der auflagenstärksten Printprodukte der Welt (nach der Bibel und 'Harry Potter' auf Platz 3). Aber immer noch von einem Möbel-Katalog.

Kirche. Dorf. Ihr wisst schon.

Sonntag, 13. September 2009

Wahlweise - Einfach mal abschalten.

Entweder den Fernsehapparat oder die hysterische Vorstellung, bei einem TV-Duell der 'Spitzenkandidaten' neue Erkenntnisse zu gewinnen. Mag es auch beim heute stattfindenden Aufeinandertreffen von Merkel und Steinmeier besonders dröge zugehen - einen wirklichen Schlagabtausch mit festen Standpunkten, rhetorischen Finten und erfrischenden Polemiken gab es auch in den vergangenen Jahren seit Einführung dieses ursprünglich US-amerikanischen Formats nicht. Die Veranstaltung ist vor allem ein dem Selbstzweck dienendes TV-Event, das höchstens durch die konzeptionellen und strukturellen Rahmenbedingungen einen gewissen Witz entwickelt. In diesem Sinne empfehle ich, im besten Falle im Vorfeld, die Lektüre des Beitrags von Michael Spreng. Als ehemaliger Kommunikationsberater gibt er Details aus dem umfangreichen Vertragswerk zum ersten Duell Stoiber - Schröder bekannt. Man beachte: Es handelt sich dabei um tatsächliche Absprachen und nicht etwa um ein Sketch-Manuskript von Loriot.

Mit dieser Kenntnis sollte man das heutige Fernsehprogramm mit einem entspannten Lächeln betrachten.

Samstag, 12. September 2009

Die Revolution frisst ihre Kinder.

"Wir müssen uns messen lassen an den Thesen, die im Manifest stehen. […] Wir haben zwar überlegt, wie man das machen kann, was aber die Nutzer wollen, da muss man relativ flexibel reagieren.“ – Sascha Lobo

Fast wahlkampftauglich haut der ‚Neue-Medien-Papst’ Lobo irokesenschnittartig einen solchen Allgemeinplatz heraus. Altväterlich möchte ich ihm und allen anderen Unterzeichnern des Manifests zurufen: Ach, hättet ihr doch vorher nachgedacht! Oder was wäre Martin Luther heute, wenn er vier Tage nach seiner ‚Nagel-Aktion’ gesagt hätte: Ach Leute, 95 Thesen sind ’ne Menge Holz. 50 davon sind ok. Aber über die anderen können wir noch mal mit den Katholen reden?

Vier Tage nach Veröffentlichung des Manifests kommt von Stefan Niggemeier eine Erklärung, eine Differenzierung, gar eine Rechtfertigung des Pamphlets. Das alleine ist ehrenhaft, nimmt aber einem Manifest die immanente Grundsätzlichkeit und zeugt von Unüberlegtheit, von Aktionismus, von Beliebigkeit. Und spricht damit gegen das Gesagte. Schon der erste Satz dieser Rechtfertigung unterstreicht den vermuteten Dünkel:

„Bald wird unser „Internet-Manifest” vermutlich auch in den letzten südphilippinischen Regionaldialekt übersetzt und vom letzten amerikanischen Blogger retweetet worden sein, und nach über 400 Kommentaren versickert die Diskussion…[…] in Seitensträngen…[…].“

Wie passt ein solches Entrée zu der Veröffentlichung und einigen Auszügen des Manifests?

„Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.“

„Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.“

„Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar.“


Ohne jegliche Häme: Es ist es auch unterhaltsam, wie die Revolution ihre Kinder frisst. Mit welchem Anspruch, mit welchem strukturellen und handwerklichen Verve wurde der Text veröffentlich? Und wie ein Soufflé fällt alles in sich zusammen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie seriös und integer, wie weit reichend und inhaltlich relevant eine derartige Kampagne der führenden deutschen Blogger sein kann, wenn sie schon im Ansatz scheitert. Um es nochmals deutlich zu sagen: Die eigentliche Intention ist nötig und wichtig. Umso bedauerlicher, dass sie so unprofessionell umgesetzt wurde. Im schlimmsten Fall spielt sie den abgezockten Big Shots der Medienszene in die Hände, die eine solche Vorlage nicht verdient haben.

Aber es gibt auch einen positiven Ansatz in Niggemeiers Rechtfertigung: In seinem persönlichen Text schimmert die wohl ursprüngliche Absicht des Manifests durch. Niggemeier macht deutlich, worauf es, zumindest ihm, ankam: Eine Positionierung derer, die sich als Journalisten nicht auf den abgesessenen Wirtschaftswundererrungenschaften und den abgesteckten Claims ausruhen, sondern sich den neuen Möglichkeiten und Herausforderungen stellen wollen und müssen. Bezüglich seiner Absicht, das Manifest zu veröffentlichen äußert sich Niggemeier so: „Wir wollten eine Diskussion anstoßen.“ Gleichzeitig relativiert er zum Beispiel die Wortwahl. So Niggemeier: “Natürlich ist unser ‚Manifest’ auch anmaßend (und mit dem Wort [Manifest, a.d.R.] fängt es schon an), natürlich kommt es in vielen Punkten relativ breitbeinig daher, aber einem ganz anderen Ansprechpartner gegenüber: Denjenigen, die das Internet immer noch bekämpfen oder glauben, es gehe weg, wenn man es nur angestrengt genug ignoriert.“ Das wirkt zunächst reichlich naiv, widerspricht dem immanenten professionellen Anspruch und wird im Weiteren seiner Stellung als Premium-Blogger etwas sexyness nehmen. Aber es ist immerhin ehrlich. Dieser Satz, wie viele andere Sätze in seiner Rechtfertigung, scheinen zumindest eines zu sein: authentisch. Und das zählt, neben handwerklichen Standards, sehr viel.

Unter dem Strich bleibt eine Erkenntnis: Man sollte sich dem Neuen nicht verschließen, es vielmehr nutzen und pflegen. Allerdings mit den gleichen guten, alten Werten, die in den vergangenen Jahrzehnten eine mediale Kultur auf hohem Niveau etabliert haben. Dabei ist es egal, ob es sich um Print- oder Onlinemedien handelt. Der Kampf vollzieht sich nicht nur zwischen Zeitungsmachern und Bloggern, sondern zwischen allgegenwärtigen Schwätzern und marktorientierten Neo-Liberalen sowie handwerklich sauberen, unabhängigen, gesellschaftlich progressiven Journalisten.

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