Die Revolution frisst ihre Kinder.
"Wir müssen uns messen lassen an den Thesen, die im Manifest stehen. […] Wir haben zwar überlegt, wie man das machen kann, was aber die Nutzer wollen, da muss man relativ flexibel reagieren.“ – Sascha Lobo
Fast wahlkampftauglich haut der ‚Neue-Medien-Papst’ Lobo irokesenschnittartig einen solchen Allgemeinplatz heraus. Altväterlich möchte ich ihm und allen anderen Unterzeichnern des Manifests zurufen: Ach, hättet ihr doch vorher nachgedacht! Oder was wäre Martin Luther heute, wenn er vier Tage nach seiner ‚Nagel-Aktion’ gesagt hätte: Ach Leute, 95 Thesen sind ’ne Menge Holz. 50 davon sind ok. Aber über die anderen können wir noch mal mit den Katholen reden?
Vier Tage nach Veröffentlichung des Manifests kommt von Stefan Niggemeier eine Erklärung, eine Differenzierung, gar eine Rechtfertigung des Pamphlets. Das alleine ist ehrenhaft, nimmt aber einem Manifest die immanente Grundsätzlichkeit und zeugt von Unüberlegtheit, von Aktionismus, von Beliebigkeit. Und spricht damit gegen das Gesagte. Schon der erste Satz dieser Rechtfertigung unterstreicht den vermuteten Dünkel:
„Bald wird unser „Internet-Manifest” vermutlich auch in den letzten südphilippinischen Regionaldialekt übersetzt und vom letzten amerikanischen Blogger retweetet worden sein, und nach über 400 Kommentaren versickert die Diskussion…[…] in Seitensträngen…[…].“
Wie passt ein solches Entrée zu der Veröffentlichung und einigen Auszügen des Manifests?
„Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.“
„Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.“
„Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar.“
Ohne jegliche Häme: Es ist es auch unterhaltsam, wie die Revolution ihre Kinder frisst. Mit welchem Anspruch, mit welchem strukturellen und handwerklichen Verve wurde der Text veröffentlich? Und wie ein Soufflé fällt alles in sich zusammen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie seriös und integer, wie weit reichend und inhaltlich relevant eine derartige Kampagne der führenden deutschen Blogger sein kann, wenn sie schon im Ansatz scheitert. Um es nochmals deutlich zu sagen: Die eigentliche Intention ist nötig und wichtig. Umso bedauerlicher, dass sie so unprofessionell umgesetzt wurde. Im schlimmsten Fall spielt sie den abgezockten Big Shots der Medienszene in die Hände, die eine solche Vorlage nicht verdient haben.
Aber es gibt auch einen positiven Ansatz in Niggemeiers Rechtfertigung: In seinem persönlichen Text schimmert die wohl ursprüngliche Absicht des Manifests durch. Niggemeier macht deutlich, worauf es, zumindest ihm, ankam: Eine Positionierung derer, die sich als Journalisten nicht auf den abgesessenen Wirtschaftswundererrungenschaften und den abgesteckten Claims ausruhen, sondern sich den neuen Möglichkeiten und Herausforderungen stellen wollen und müssen. Bezüglich seiner Absicht, das Manifest zu veröffentlichen äußert sich Niggemeier so: „Wir wollten eine Diskussion anstoßen.“ Gleichzeitig relativiert er zum Beispiel die Wortwahl. So Niggemeier: “Natürlich ist unser ‚Manifest’ auch anmaßend (und mit dem Wort [Manifest, a.d.R.] fängt es schon an), natürlich kommt es in vielen Punkten relativ breitbeinig daher, aber einem ganz anderen Ansprechpartner gegenüber: Denjenigen, die das Internet immer noch bekämpfen oder glauben, es gehe weg, wenn man es nur angestrengt genug ignoriert.“ Das wirkt zunächst reichlich naiv, widerspricht dem immanenten professionellen Anspruch und wird im Weiteren seiner Stellung als Premium-Blogger etwas sexyness nehmen. Aber es ist immerhin ehrlich. Dieser Satz, wie viele andere Sätze in seiner Rechtfertigung, scheinen zumindest eines zu sein: authentisch. Und das zählt, neben handwerklichen Standards, sehr viel.
Unter dem Strich bleibt eine Erkenntnis: Man sollte sich dem Neuen nicht verschließen, es vielmehr nutzen und pflegen. Allerdings mit den gleichen guten, alten Werten, die in den vergangenen Jahrzehnten eine mediale Kultur auf hohem Niveau etabliert haben. Dabei ist es egal, ob es sich um Print- oder Onlinemedien handelt. Der Kampf vollzieht sich nicht nur zwischen Zeitungsmachern und Bloggern, sondern zwischen allgegenwärtigen Schwätzern und marktorientierten Neo-Liberalen sowie handwerklich sauberen, unabhängigen, gesellschaftlich progressiven Journalisten.
Fast wahlkampftauglich haut der ‚Neue-Medien-Papst’ Lobo irokesenschnittartig einen solchen Allgemeinplatz heraus. Altväterlich möchte ich ihm und allen anderen Unterzeichnern des Manifests zurufen: Ach, hättet ihr doch vorher nachgedacht! Oder was wäre Martin Luther heute, wenn er vier Tage nach seiner ‚Nagel-Aktion’ gesagt hätte: Ach Leute, 95 Thesen sind ’ne Menge Holz. 50 davon sind ok. Aber über die anderen können wir noch mal mit den Katholen reden?
Vier Tage nach Veröffentlichung des Manifests kommt von Stefan Niggemeier eine Erklärung, eine Differenzierung, gar eine Rechtfertigung des Pamphlets. Das alleine ist ehrenhaft, nimmt aber einem Manifest die immanente Grundsätzlichkeit und zeugt von Unüberlegtheit, von Aktionismus, von Beliebigkeit. Und spricht damit gegen das Gesagte. Schon der erste Satz dieser Rechtfertigung unterstreicht den vermuteten Dünkel:
„Bald wird unser „Internet-Manifest” vermutlich auch in den letzten südphilippinischen Regionaldialekt übersetzt und vom letzten amerikanischen Blogger retweetet worden sein, und nach über 400 Kommentaren versickert die Diskussion…[…] in Seitensträngen…[…].“
Wie passt ein solches Entrée zu der Veröffentlichung und einigen Auszügen des Manifests?
„Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.“
„Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.“
„Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar.“
Ohne jegliche Häme: Es ist es auch unterhaltsam, wie die Revolution ihre Kinder frisst. Mit welchem Anspruch, mit welchem strukturellen und handwerklichen Verve wurde der Text veröffentlich? Und wie ein Soufflé fällt alles in sich zusammen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie seriös und integer, wie weit reichend und inhaltlich relevant eine derartige Kampagne der führenden deutschen Blogger sein kann, wenn sie schon im Ansatz scheitert. Um es nochmals deutlich zu sagen: Die eigentliche Intention ist nötig und wichtig. Umso bedauerlicher, dass sie so unprofessionell umgesetzt wurde. Im schlimmsten Fall spielt sie den abgezockten Big Shots der Medienszene in die Hände, die eine solche Vorlage nicht verdient haben.
Aber es gibt auch einen positiven Ansatz in Niggemeiers Rechtfertigung: In seinem persönlichen Text schimmert die wohl ursprüngliche Absicht des Manifests durch. Niggemeier macht deutlich, worauf es, zumindest ihm, ankam: Eine Positionierung derer, die sich als Journalisten nicht auf den abgesessenen Wirtschaftswundererrungenschaften und den abgesteckten Claims ausruhen, sondern sich den neuen Möglichkeiten und Herausforderungen stellen wollen und müssen. Bezüglich seiner Absicht, das Manifest zu veröffentlichen äußert sich Niggemeier so: „Wir wollten eine Diskussion anstoßen.“ Gleichzeitig relativiert er zum Beispiel die Wortwahl. So Niggemeier: “Natürlich ist unser ‚Manifest’ auch anmaßend (und mit dem Wort [Manifest, a.d.R.] fängt es schon an), natürlich kommt es in vielen Punkten relativ breitbeinig daher, aber einem ganz anderen Ansprechpartner gegenüber: Denjenigen, die das Internet immer noch bekämpfen oder glauben, es gehe weg, wenn man es nur angestrengt genug ignoriert.“ Das wirkt zunächst reichlich naiv, widerspricht dem immanenten professionellen Anspruch und wird im Weiteren seiner Stellung als Premium-Blogger etwas sexyness nehmen. Aber es ist immerhin ehrlich. Dieser Satz, wie viele andere Sätze in seiner Rechtfertigung, scheinen zumindest eines zu sein: authentisch. Und das zählt, neben handwerklichen Standards, sehr viel.
Unter dem Strich bleibt eine Erkenntnis: Man sollte sich dem Neuen nicht verschließen, es vielmehr nutzen und pflegen. Allerdings mit den gleichen guten, alten Werten, die in den vergangenen Jahrzehnten eine mediale Kultur auf hohem Niveau etabliert haben. Dabei ist es egal, ob es sich um Print- oder Onlinemedien handelt. Der Kampf vollzieht sich nicht nur zwischen Zeitungsmachern und Bloggern, sondern zwischen allgegenwärtigen Schwätzern und marktorientierten Neo-Liberalen sowie handwerklich sauberen, unabhängigen, gesellschaftlich progressiven Journalisten.
Clooney - 12. Sep, 03:16
