Dienstag, 24. August 2010

Waldmeister.

Silly1_klein

Alles Rot. Mit dem gleichnamigen Album im Gepäck machen Silly zwischen zwei Tour-Blöcken Station in Göttingen. Die Band mit altem Ost-Rock-Kult-Status und neuem bundesweiten Rockanspruch in Sachen „Lieder für Erwachsene“ bereichert das traditionelle Open-Air-Festival im malerischen, waldumschlossenen Kaiser-Wilhelm-Park.

Zu hören gibt es wunderbare melodische Rockmusik. Im besten Sinne kann man von Liedern sprechen. Vor allem die Texte ragen aus der Masse raus. Für diese besonderen Texte zeichnet sich Werner Karma verantwortlich. Ein Urgestein der Ostlyrik und Wortschöpfer schon in alten Silly-Tagen. Einige der Klassiker der Band sind im Set verstreut zu finden, der Schwerpunkt allerdings liegt auf den Songs des aktuellen Albums.
Die dramaturgisch ausgereifte Setlist bietet Kracher und Balladen und endet mit einer abgefahrenen Reprise des Titel-Songs, die jedem Schwätzer beweist, dass es sich hier tatsächlich noch um eine Rockband handelt. Der Sound ist transparent und knackig, die Leadstimme hebt sich klar und prägnant eine Spur ab. In Szene gesetzt wird die Show mit geschickt arrangiertem Licht. Effekte werden sparsam und damit wirkungsvoll genutzt. Geschmackvoll.

Es ist schon beeindruckend, mit welch einfachen Mitteln man ein Publikum erreichen kann, wenn man so etwas transportiert wie Authentizität. Begrifflich überstrapaziert, im Falle von Silly aber das A und O. Vom ersten Ton an bekommt man den Eindruck, dass hier eine Band zusammen spielt und gerne gemeinsam musiziert. Ohne große Gesten, ohne viel Tam-Tam. Die drei Silly-Musiker haben sich Live Verstärkung an Gitarre, Keyboard und Schlagzeug geholt. Die Band versteht ihr Handwerk und wird dem musikalischen Erleben gerecht. „Frontfrau“ Anna Loos besticht durch latente und äußerst charmante Unsicherheit in Sachen „Rampensau“ – und schafft damit genau die Nähe und Tiefe, die bei einem guten Konzert beabsichtigt und gewollt ist. So wird eine von Krawallfreunden vielleicht als altbacken bezeichnete Performance für den Musikliebhaber zu einer warmen, liebevollen und – im besten Sinne – ehrlichen Präsentation.

Anna Loos verzichtet ihrerseits völlig auf den Status als bekannte Schauspielerin. Dass die einen oder anderen Medienvertreter nicht umhin können, als Backtriebmittel immer wieder auf die „bekannte Schauspielerin“ mit dem noch bekannteren „Schauspieler-Ehemann“ zurückzugreifen – geschenkt. Loos selbst scheint sich ganz auf die Musik, ihren Gesang und die neue Aufgabe als Frontfrau einer Band zu konzentrieren. Das ist sympathisch. Und unterstreicht vor allem jene Authentizität, die diese Band ausstrahlt. Hier geht es um’s Musizieren, um Gefühle, um Freunde, die gemeinsame Sache. So, wie sich das für eine richtige Band gehört.
Und das Publikum nimmt diese reduzierte Attitüde dankbar an. Die vordergründige Zurückhaltung entpuppt sich bei näherem Hinsehen als völlig falscher Eindruck. Rundherum stehen Menschen, die aufmerksam, konzentriert und fast andächtig den Liedern lauschen. Mehr Nähe, Anteilnahme und Empathie kann man von Zuhörern kaum erwarten.

Den besonderen Charme dieser Combo erfasst man in seiner Gänze durch eine kleine Geste zum Schluss des Konzertes: Nach drei Zugaben, gemeinsamen Verbeugen und „Tschüss“ sagen, verweist Silly-Urgestein Ritchie Barton an dramaturgisch eigentlich unpassender Stelle auf den Stellenwert und die Kraft der neuen Frontfrau. In solchen Momenten offenbart sich die Tiefe und Nähe einer tatsächlichen Band. Äußerst sympathisch. Und fern ab jeglicher kalkulierten Performance.

Silly starten im Herbst zum zweiten Teil ihrer Tournee. Die Ampeln stehen für die Band auf „freie Fahrt“. Alles Grün.

Silly2_klein

Aktuelle Beiträge

Das Schiff singt.
Wie man ein viel versprechendes Konzept und einen gut...
Clooney - 16. Dez, 01:41
Nicht. Wählen.
Ich bin Nichtwähler. Du bist Wähler. Und...
Clooney - 22. Sep, 02:37
Blog.Basta.
Mit dieser Überschrift beginne ich meinen ersten...
Clooney - 17. Jun, 23:35
Echolot.
Es ist doch zum in die Tischkante beißen. Da...
Clooney - 25. Mrz, 23:59
Palawa.
Es wurde geräumt. Viel geräumt. Von links...
Clooney - 14. Okt, 16:49
Nebulös.
Wenn am Samstag die Carmen Nebel-Show zur großen...
Clooney - 27. Sep, 13:20
Waldmeister.
Alles Rot. Mit dem gleichnamigen Album im Gepäck...
Clooney - 30. Aug, 15:51
Steffen seibert for nothing.
... and the Chicks for free – möchte man,...
Clooney - 8. Aug, 01:29
Schmidtsommernacht.
Ach, ich liebe dieses Sommerloch. Diese angesagte Entspanntheit...
Clooney - 1. Aug, 03:36
Rauchzeichen.
Sebastian Frankenberger wollte schon immer die Welt...
Clooney - 11. Jul, 02:13
Lenastheniker.
Ich habe es nicht besser gewusst. Weder vorher, noch...
Clooney - 1. Jun, 01:29
Love, Olaf...
Es ist wieder ESC-Zeit. Natürlich habe ich die...
Clooney - 25. Mai, 03:12

Status

Online seit 1684 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 16. Dez, 01:45

Don't Touch This