Sonntag, 23. Mai 2010

Love, Olaf...

Es ist wieder ESC-Zeit.

Natürlich habe ich die Vorentscheidung verfolgt und bin nach wie vor begeistert von der grundsätzlichen Ausrichtung der Veranstaltung, die in dieser Form einem solchen Ereignis und der öffentlichen Wahrnehmung gerecht wurde. Bis auf die etwas geschmäcklerische Final-Show, die mir die Freude etwas verdorben hat. Die Gründe dafür sind weiter unten zu finden.

Lena ist in Oslo angekommen und hat heute ihre erste Probe (von zweien) absolviert. Ich habe sie gesehen und fühle mich in meinen Vorurteilen bestätigt. Da ich die Nase voll hab von "Hinterher wissen es alle besser"-Vorwürfen, hier also die Chance, es im Vorfeld schon besser zu wissen - 5 Gründe, warum Lena in Oslo abkacken wird:

1. Sie kann nicht singen
Ein Faktor, der sich per se nicht als Hinderungsgrund einer ESC-Teilnahme darstellen muss. Wenn genug andere Pfeiler die Lücke stützen – Charme, Show, Brüste. Vielleicht sogar eine großartige Komposition.

2. Der Song ist schwach
Ursprünglich als (funktionierende!) Ballade geschrieben, wurden dem Song beim stümperhaften Umarrangieren alle kompositorischen Merkmale geraubt, sodass ein gewisses Nichts bleibt - keine harmonische Dramaturgie, keine Hook-Line, kein Höhepunkt. Wer sich für Details interessiert, dem sei die hervorragende (und auch dem Nicht-Musiker verständliche) Analyse von Klaus Kauker empfohlen.

3. Die Perfomance ist schwach
Wenn es nach mir geht, können alle Trickkleider, Paillettenjacken und Flammenreifen zu Hause bleiben. Nichts ist so wirksam, wie ein einsamer Interpret, der alle Blicke, Hoffnungen und Emotionen auf sich zieht (Schlagt mich, aber einen Halbton tiefer - und alles wäre perfekt). Wenn er es den kann. Dazu gehört eine ordentliche Portion Bühnenpräsenz. Lena hat die nicht. Und das kann man ihr nicht mal zum Vorwurf machen. Ihr fehlt verständlicherweise die Professionalität und die Größe des Songs im Rücken. Warum sie dann allerdings so inszeniert wird (Interpretin, 4 Backround-Sängerinnen, alle in schwarz) bleibt das Geheimnis der Macher. Ich vermute, dass sich da auch nicht mehr viel ändern wird – die Erste von zwei Proben!


4. Sie nervt
Weil sie eben nicht die nette, naive, authentische Abiturientin ist, als die sie medial so widerspruchslos gehandelt wird. Sondern vielmehr eine der vielen Teenies, die mit aller Macht in die Medien wollen. Das, was sie von anderen unterscheidet, ist die tatsächlich etwas andere Art. Sie wartet nicht mit Knastgeschichten, zerrütteten Familienverhältnissen oder einer wirtschaftlich gebrochenen Existenz auf. Im Gegenteil. Was aus einer prekären sozialen Situation noch im Sinne eines „letzten Strohhalms“ verständlich ist, betreibt Frau Meyer-Landrut aus komfortabler, bürgerlicher Sicherheit, und damit aus einem ausschließlichen Geltungsbedürfnis heraus. Ihre so spezielle Art ist im Endeffekt nur eines: Überspannt.


5. Alle sind vernebelt
Der Zeitpunkt, zu dem dieser Hype begonnen hat, lässt sich relativ klar benennen: Der erste Auftritt bei der Vorausscheidung „USFO“. Warum er sich allerdings so festgesetzt hat, bleibt mir bis heute unerschlossen. War ich doch seit dem ersten Auftritt genervt. Das ist allerdings kein Argument. Geschmäcker sind verschieden. Und ich halte mich nicht für den ästhetischen Leuchtturm – geschenkt. Nur: Unter professionellen Gesichtspunkten und der strategischen Zielsetzung „unseren Star für Oslo“ zu finden, war die überkandidelte Begeisterung schnell und erst recht im Finale unter den oben genannten Aspekten fehl am Platz. Sowohl „Dursti“ als auch und vor allem Jennifer Braun haben wesentlich mehr Potential. gerade unter den immer wieder zitierten Argumenten der Authentizität und musikalischen Originalität. Über das Prinzip des Zuschauervotings will ich mich nicht äußern – das mag sogar richtig sein, um eine breite Unterstützung eines Künstlers zu sichern. Warum aber Medienprofis wie Stefan Raab und der administrative Kreis drum herum ohne Reflexion an einem Act festhalten, bleibt ein Rätsel. Es darf nicht, was nicht sein kann – oder – es muss, was sein soll, scheint hier das Prinzip zu sein. Konkret: Warum wird Titel Nummer zwei für Jennifer Braun ("Satellite", die Original-Ballade) für Lena umgeschrieben? Warum ist der (nicht gewählte) Kür-Titel für Lena von Raab, der von Jennifer aber nicht? Hier hat sich König Lustig mal verschätzt. Warum steigen alle Medien und ihre (Pop-) kulturellen und feuilletonistischen Leitfiguren auf dieses Gedöns ein? Ein Gefühl von „väterlicher Fürsorge“? Des Kaisers neue Kleider? Das ganze wirft auch ein weiteres Licht auf den medialen Betrieb.


Ich habe mir alle Teilnehmer der diesjährigen Veranstaltung zu Gemüte geführt. Das Feld ist schwach besetzt. Mein Tipp: Die Dänen werden es machen. Denn seit Michael Holm wissen wir alle: Dänen lügen nicht.

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