Wie man ein viel versprechendes Konzept und einen gut gemeinten Ansatz im Sinne des unternehmerischen Gedankens und des gesellschaftlichen Mainstreams so richtig gegen die Wand fährt, zeigt heute ‚Voice of Germany’. Hoch gelobt ob seines musikalischen Ansatzes und der sachlichen Umgangsformen, fällt das Format mit seiner siebten Folge in die Untiefen der zeitgenössischen Unterhaltungskultur. Ein Abrutschen in die seit Jahren etablierten Sehgewohnheiten waren schon in den vergangen Folgen sichtbar. Emotionalisierende Side-Storys, irritierende Audience-Zwischenschnitte und künstliche Dramatisierung abseits des reinen Gesangs, der reinen Performance wurden schon etabliert. Nun werden die so genannten ‚Battles’ inszeniert – und verraten damit jeden Glauben an die Musik. Denn Musik ist immanent kein Gegenstand von Kampf, Sieg und ‚höher, schneller, weiter’-Denken. Mit aber genau diesem Ansatz katapultiert sich das Format in die unappetitlichen Tiefen des unreflektierten Leistungsgedanken einer von Neo-Liberalismus durchsetzten Gesellschaft, in der es im obigen Sinne nicht lohnenswert ist, gemeinsam zu musizieren, sondern sich als ‚Star’ und kommerziell erfolgreiches Produkt zu platzieren. Wie perfide ist die Idee der für die Konzeption verantwortlichen Produktion EnDeMol, jeweils zwei hervorragende Sänger gegeneinander antreten und einen von beiden ausscheiden zu lassen? Ohne eine wirkliche Vergleichsmöglichkeit, ohne das Verständnis für individuelle Ausdruckskraft.
Umso nervender die sich in Superlativen und Phrasen ergehenden Kommentare der Juroren. Und wie entlarvend. Denn das ganze schöne Geschwätz von Ausdruckskraft, Persönlichkeit und Leidenschaft einer nöhlenden Nena oder eines schmierigen Xavier Naidoos entpuppt sich als Gelaber eben nicht Musik liebender, sondern selbstverliebter Karrieresänger.
Neben diesen, zugegebenermaßen sehr kulturkritischen Aspekten, begeht EnDeMol aber auch einen taktischen Fehler im TV-Geschäft. Sie binden nämlich den Zuschauer nicht durch Polarisierung der Emotionen, sondern lassen ihn im besten Fall ob der Ungerechtigkeit der Entscheidung verstört zurück. Ein schmuckes, neues Casting-Show-Format entpuppt sich als des Kaisers neue Kleider.
Ich bin Nichtwähler. Du bist Wähler. Und häufig schimpfst du mich dann einen Anti-Demokraten, einen Unterstützer der Extremisten gar, oder aber ich bin direkt ein Faschist, Rassist, und weiß Gott noch was. Denn, Nichtwähler wie ich ebnen ja bekanntlich direkt den Weg zu Hitler 2.0. So haben es dir, lieber Wähler, die Konzernmedien jahrzehntelang erklärt: Wahlen = Demokratie, Demokratie = Gut, Hitler = Böse, Nichtwählen = Hitler. Ist doch eigentlich ganz einfach, oder?
Nun ja, nicht ganz. Denn Faschismus und Diktatur kommen in der Regel eben nicht von dort, wo man sie erwartet. Die Tatsache, dass Unbehagen herrscht, sorgt nämlich auch dafür, dass frühzeitig durch Aktivisten und Bürgerbewegungen Gegenmaßnahmen getroffen werden; dass aufgeklärt und diskutiert wird. Und auch wenn in einigen deutschen Käffern rechtsextremes Gedankengut auf dem Vormarsch ist, ist die Gesamtgesellschaft – auch bei dem anstehenden ökonomischen Niedergang – eben nicht in erster Linie durch eine NPD- sondern durch eine EU-Gouverneursratsdiktatur gefährdet.
Man kann solange man will auf Extremisten, die letztendlich auch nur eine Randgruppe unter vielen sind, herumhacken, unsere Freiheit ist vom Status quo weit mehr gefährdet, als von diesen meist eher schlecht gebildeten Bevölkerungskreisen. Und wer verteidigt den Status quo? Richtig, du, der Wähler!
Denn Wählen heißt, einem politischen System die Legitimation zu erteilen, weiterhin in absolut skrupel- und verantwortungsloser Art und Weise über unser aller Schicksal zu richten. Wählen heißt überforderte Parlamentarier dafür zu benennen eine mutmaßlich höchst korrupte Regierung zu „kontrollieren“, was alleine schon dadurch ad absurdum geführt wird, dass die parlamentarische Legislative zu weiten Teilen längst mit der Exekutive verschmolzen ist.
Von diesem Klüngel einmal abgesehen heißt „Wählen“ aber auch, ein politisches System zu legitimieren, das es längst als „normal“ betrachtet, Gutachten, Gesetzestexte, Reden, etc. direkt von Lobbygruppen anfertigen zu lassen. Berufspolitiker, die man nun wirklich besser „Politdarsteller“ nennen sollte lesen diese Texte oft nur noch ab bzw. vermitteln zwischen widersprüchlichen Lobbyinteressen.
Nichtwählen heißt hingegen, einem solchen System die Legitimation zu entziehen. Nichtwählen heißt seine Stimme nicht abzugeben, und eine Stimme, die man nicht abgibt, kann man erheben. Mann kann seine Stimme erheben, um beispielsweise stumpfe rassistische oder extremistische Parolen zu widerlegen. Man kann seine Stimme auch erheben, um seine Mitmenschen über ein zutiefst ungerechtes und undemokratisches Geldsystem aufzuklären. Man kann seine Stimme erheben um Korruption und Lobbyklüngel anzuprangern und man kann seine Stimme erheben um zu zeigen, dass grundsätzlich nur das geschieht was wir zulassen.
Du, lieber Wähler, machst es dir da schon einfacher. Du gibst deine Stimme ab, bezeichnenderweise in eine Urne, und redest dir ein, durch diesen Akt deine „demokratische Pflicht“ erfüllt zu haben. Das hat man dir auch so erzählt, das mit der „demokratischen Pflicht“. Leider erkennst du diese Propagandalügen nicht einmal als solche. Denn andauernde Propaganda macht stumpfsinnig. Du ziehst es vor, aus diesen manipulativen Leitsätzen deine Borniertheit zu speisen, die Grundlage deines Irrglaubens ist, ausgerechnet mich, den Nichtwähler, als Anti-Demokraten bezeichnen zu dürfen.
Du siehst weder die Aufklärungsarbeit die der Nichtwähler leistet, und fragst schon gar nicht nach den Hintergründen seines Wahlboykotts. Du plapperst einfach nur nach, was dir „Experten“ bei Illner und Plasberg sagen. Du bist der wahre Anti-Demokrat.
Ich werde meine Stimme nicht abgeben, ich werde sie weiter erheben.
(Veröffentlicht bei le bohémien.net)
Mit dieser Überschrift beginne ich meinen ersten Eintrag in diesem Jahr. Es sollen und werden viele Weitere folgen. Allerdings nicht in der bekannten Form. Dieses Blog wird sich ändern.
Was vor einigen Jahren als feuilletonistisches Portfolio begann, entwickelte sich im Laufe der Zeit immer mehr zur Reste-Rampe meiner medienpolitischen und medienkritischen Texte. Aufsätze, Bemerkungen und Kommentare zum Geschehen vornehmlich der unterhaltenden Fernsehlandschaft, die andernorts nicht veröffentlicht wurden.
Mag es dem Strukturwandel der Medienkultur oder einer thematischen Müdigkeit geschuldet sein - meine Leidenschaft, inhaltliche Schandtaten, programmatische Husarenstücke oder medienpolitische Fehlentscheidungen zu kommentieren ist erloschen.
Der Kritik immanent ist die, vielleicht naive, Vorstellung, auf etwas aufmerksam zu machen, gleichsam zur Diskussion zu stellen und im besten Fall zu einer positven Veränderung anzuregen. Wenn man stattdessen merkt, dass verkrustete Strukturen und ein gesellschaftlicher Mainstream sich immer breitere Räume bahnen, kämpft man gegen Windmühlen. Zum Don Quixote eigne ich mich aber nicht.
Wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen, hat sich auch in der Fernseh- und Verlagslandschaft einiges geändert. Ähnlich der Politik herrschen Schubladendenken, Massenkompatiblität und Populismus vor Inhalt, Individualität, Leidenschaft, Ecken und Kanten. Lautstärke und Macht werden als Meinung und Haltung verkauft. Aufdringlichkeit mit Stil verwechselt. Trotz eines Überangebots an Informationen wird der immer gleiche Dreck verkauft. Und gefressen. Der Boulevard wird zum Spaziergang. Blut und Hoden. Viel laue Luft. Des Kaisers neue Kleider. Und keiner ruft: "Der hat ja gar nichts an!".
Die Notizen aus der Provinz werden sich wieder dem zuwenden, was ihr eigentlicher Gegenstand war: Musik, Menschen, und ja, auch Medien. Allerdings in etwas anderer Form. Auf den Seitenstraßen, in der Dämmerung, aus der zweiten Reihe, mit einem leisen Pfeifen. Subjektiv, ästhetisch, ironisch. Das Kleine betrachtend, abseits des Lauten und Marktschreierischen. Eben wieder ein feuilletonistisches Portfolio.
Ich danke an dieser Stelle den vielen Lesern dieses Blogs (die zahlreicher waren, als ich zu Beginn gehofft hatte). Möglicherweise wird der ein oder andere die Notizen neu entdecken. Ich würde mich freuen.
Es wurde geräumt. Viel geräumt. Von links nach rechts. Von rechts nach links. Und zwar Geld. Echtes Geld. Kohle, Bares, Cash. In dicken Bündeln. Das scheint sehr wichtig zu sein, schließlich wurde ununterbrochen und ermüdend darauf hingewiesen.
Jörg Pilawa ist aus seinem Jahresurlaub zurück. Bei einem neuen Sender (ZDF) und mit einer neuen Spiel-Show: „Rette die Million“. Die Wenigen, die vielleicht so etwas wie einen Neustart, eine Umorientierung oder sogar die Neuerfindung des smarten Moderators erwartet haben, wurden enttäuscht. Das muss in Sachen Pilawa nichts Schlechtes sein. Auch ich halte ihn nicht für einen moderierenden Überflieger, aber im Gegensatz zu vielen Kollegen finde ich seine biedere, freundliche Art durchaus angemessen und angenehm für Familienprogramme. Nur im Schatten des großen medialen Boheis und Palavers um Senderwechsel und inhaltliche Pläne wurde die Premiere beim neuen Arbeitgeber mit Neugierde erwartet.
„Rette die Million“ ist ein reines Quiz-Format, entwickelt von Endemol, kann aber mit einer charmanten Idee aufwarten: Die Kandidaten bekommen gleich zu Beginn der Spielrunde eine Million Euro in die Hand gedrückt (Bar, Cash, echtes Geld). Dieses Geld müssen sie vollständig auf vier Antworten zu einer Frage verteilen. Sind sie sich der Antwort sicher, wandert alles auf dieses Feld. Bei Unsicherheit sollte das Geld anteilig geschickt auf die weiteren Optionen verteilt werden. Der Einsatz auf dem richtigen Antwortfeld kann behalten werden, der Rest geht flöten. So ackern sich die Kandidatenpaare über acht Spielrunden. Bei der letzten Frage gibt es nur zwei Antwortmöglichkeiten und das gesamte noch vorrätige Geld muss auf ein Feld gesetzt werden. Also das Prinzip Rot oder Schwarz, Sekt oder Selters, alles oder nichts – und das lässt tatsächlich so etwas wie Spannung aufkommen.
Das Bühnen-Design ist in Rot und Blau gehalten, eine runde Arena mit vielen Leuchtflächen und einer Art Kommandobrücke in der Mitte, an der Pilawa und die Kandidaten stehen. Optisch also ein bisschen „Raumschiff Orion“ und ein bisschen „Wer wird Millionär“. Ersteres ist über 40, letzteres auch schon 12 Jahre alt. Dementsprechend altbacken ist das Erscheinungsbild trotz gewollt futuristischen Ansatzes. Und eng ist es. In Zusammenhang mit Umschnitten, Kameraroutinen und Splitscreens bekommt man beim Zuschauen etwas Atemnot. Das, was wohl etwas wie Intimität schaffen sollte, wirkt gedrungen und platzarm.
Ähnlich eng ist der Spielraum, der dem Moderator zur Verfügung steht. Kurze Plauderei mit den Kandidaten, Antworten vorlesen, Frage ablesen, mit Tipps zurückhalten (schließlich geht es um viel Geld, Bares, Cash), richtige Antwort geben – fertig. Gerade die Stärke Pilawas, die unverbindliche Plauderei kann nicht ausgespielt werden, wenn drum herum alles auf Spannung gezurrt ist. Das gilt auch für die Kandidaten, die fast wie Fremdkörper scheinen. Es wirkt schon eigenartig, wenn wummernde Bässe und ein dramatischer Klangteppich ein Höchstmaß an Spannung erzeugen wollen – aber Mutti plappert ständig mit überschnappender Stimme dazwischen.
„Rette die Million“ ist ein weiteres Quiz-Format, trotz neuem Ansatz nett und belanglos. Hier setzt meine einzige Kritik an. Nur weil der Moderator Pilawa heißt und viel Geld gekostet hat (Bares, Cash) gehört diese Show nicht in die Primetime. Das gibt sie nicht her. Reduziert auf 30 Minuten und in einen Vorabendslot geschoben könnte sie durchaus zum täglichen Begleiter werden.
Wenn am Samstag die Carmen Nebel-Show zur großen Spenden-Gala für die Deutsche Krebshilfe über die Bühne geht, werden Silly nicht dabei sein. Die Band wurde eine Woche vor dem Sendetermin ausgeladen. Carmen Nebels Produktionsfirma TeeVee GmbH begründet dies mit „Verletzungen der Exklusivrechte“, so ein Sprecher der Band.
Die Musiker machen ihrer Enttäuschung auf ihren Websites und auf Facebook Luft. Das ist nachvollziehbar, war doch gerade die Band in ihrer Vergangenheit immer wieder unmittelbar von Krebsleiden betroffen. Insbesondere der Krebstod der legendären Frontfrau Tamara Danz im Jahr 1996 hat damals nicht nur Musik-Fans erschüttert. Mit diesem traurigen Gepäck wären Silly wohl ideale Botschafter für eine solche Spenden-Gala gewesen.
Eine Stellungnahme seitens der Produktionsfirma habe ich bis heute trotz freundlicher Anfrage nicht bekommen. So kann über die angeblichen juristischen Aspekte nur spekuliert werden. Vermutlich sind mit der „Verletzung der Exklusivrechte“ zeitnahe Auftritte des Acts in anderen Produktionen gemeint. Tatsächlich sind Silly zurzeit im TV fast omnipräsent. Keine aktuelle Show, die nicht gerne einen Auftritt einbindet. Neben der besonders sympathischen Ausstrahlung der Band, verkaufen sie momentan eben auch ihr Album „Alles Rot“ sehr gut: Erfolgreiche Band in TV-Show - so ungewöhnlich ist das nicht.
Außerdem werden ein Großteil der Formate, in denen Silly auftreten vorproduziert. Auf den Zeitpunkt der Ausstrahlung der Aufzeichnung hat die Band keinen Einfluss, kann also bei entsprechenden Vertragsverhandlungen schwer zur Rechenschaft gezogen werden.
Wenn im Sinne einer hochwertigen Showproduktion, welche die Carmen Nebel-Show bestimmt sein möchte, auf Exklusivität Wert gelegt wird, damit das Ganze eine besondere Note bekommt, dann hätte man das inhaltlich lösen können: Auf die Präsentation der aktuellen Single verzichten und stattdessen eine andere, passende Nummer des aktuellen Silly-Albums präsentieren können. Warum nicht zum Beispiel die Danz-Hommage „Sonnenblumen“. Das wäre geschmackvoll gewesen und hätte dem Anlass entsprochen. Die TeeVee GmbH nennt unter anderem die Universal als zuverlässigen Geschäftspartner. Die Universal ist auch die Plattenfirma von Silly (Island). Da hätte man sicherlich einiges auf dem kurzen Dienstweg regeln können.
Es bleibt ein Geschmäckle, dass hier unter dem moralischen Deckmantel doch nur die eigene Eitelkeit gepflegt wird. Dass authentische Gäste aufgrund rechtlicher Spitzfindigkeiten ausgeladen werden, zeugt nicht gerade von der ernsthaften Haltung der Produktionsfirma gegenüber dem zentralen Thema der Sendung, der Unterstützung der Deutschen Krebshilfe. Dabei sollte doch im Vordergrund stehen zu informieren und möglichst viel Spendengelder zu akquirieren. Da wären Silly genau die Richtigen gewesen.
Nachtrag: Soeben, 23.09.10, 17.23 Uhr bekam ich eine Antwort auf meine Anfrage bei TeeVee. Gegenstand sind die genannten Exklusivrechte. Die Produktionsfirma betont deren Üblichkeit, "diese Exklusivitäten sorgen dafür, dass der Zuschauer eine Programmvielfalt erleben darf, d.h. nicht auf allen Kanälen musikalische Wiederholungen, sondern stattdessen immer wieder neue und einzigartige TV-Erlebnisse serviert bekommt. Auch der Band Silly, ihren Managements und ihrer Plattenfirma ist dies bekannt." Gleichzeitig wird betont, dass "die von „Willkommen bei Carmen Nebel“ am flexibelsten angewandt werden, eine Vielzahl von Sendungen ganz von der Exklusivität ausgenommen sind und zusätzlich immer wieder Ausnahmen gemacht werden (siehe den Silly-Auftritt bei der Goldenen Henne)." Diese Ausnahmen galten aber nicht für "TV Total", "Inas Nacht" und "Das Quiz der Deutschen".
Im Sinne der von mir gepflegten handwerklichen Sorgfaltspflicht sei auf diese Stellungnahme verwiesen. Und das Ganze scheint auch nicht mehr so "nebulös".
Der Ansatz meines obigen Textes wird im Kern davon allerdings nicht berührt.
Alles Rot. Mit dem gleichnamigen Album im Gepäck machen Silly zwischen zwei Tour-Blöcken Station in Göttingen. Die Band mit altem Ost-Rock-Kult-Status und neuem bundesweiten Rockanspruch in Sachen „Lieder für Erwachsene“ bereichert das traditionelle Open-Air-Festival im malerischen, waldumschlossenen Kaiser-Wilhelm-Park.
Zu hören gibt es wunderbare melodische Rockmusik. Im besten Sinne kann man von Liedern sprechen. Vor allem die Texte ragen aus der Masse raus. Für diese besonderen Texte zeichnet sich Werner Karma verantwortlich. Ein Urgestein der Ostlyrik und Wortschöpfer schon in alten Silly-Tagen. Einige der Klassiker der Band sind im Set verstreut zu finden, der Schwerpunkt allerdings liegt auf den Songs des aktuellen Albums.
Die dramaturgisch ausgereifte Setlist bietet Kracher und Balladen und endet mit einer abgefahrenen Reprise des Titel-Songs, die jedem Schwätzer beweist, dass es sich hier tatsächlich noch um eine Rockband handelt. Der Sound ist transparent und knackig, die Leadstimme hebt sich klar und prägnant eine Spur ab. In Szene gesetzt wird die Show mit geschickt arrangiertem Licht. Effekte werden sparsam und damit wirkungsvoll genutzt. Geschmackvoll.
Es ist schon beeindruckend, mit welch einfachen Mitteln man ein Publikum erreichen kann, wenn man so etwas transportiert wie Authentizität. Begrifflich überstrapaziert, im Falle von Silly aber das A und O. Vom ersten Ton an bekommt man den Eindruck, dass hier eine Band zusammen spielt und gerne gemeinsam musiziert. Ohne große Gesten, ohne viel Tam-Tam. Die drei Silly-Musiker haben sich Live Verstärkung an Gitarre, Keyboard und Schlagzeug geholt. Die Band versteht ihr Handwerk und wird dem musikalischen Erleben gerecht. „Frontfrau“ Anna Loos besticht durch latente und äußerst charmante Unsicherheit in Sachen „Rampensau“ – und schafft damit genau die Nähe und Tiefe, die bei einem guten Konzert beabsichtigt und gewollt ist. So wird eine von Krawallfreunden vielleicht als altbacken bezeichnete Performance für den Musikliebhaber zu einer warmen, liebevollen und – im besten Sinne – ehrlichen Präsentation.
Anna Loos verzichtet ihrerseits völlig auf den Status als bekannte Schauspielerin. Dass die einen oder anderen Medienvertreter nicht umhin können, als Backtriebmittel immer wieder auf die „bekannte Schauspielerin“ mit dem noch bekannteren „Schauspieler-Ehemann“ zurückzugreifen – geschenkt. Loos selbst scheint sich ganz auf die Musik, ihren Gesang und die neue Aufgabe als Frontfrau einer Band zu konzentrieren. Das ist sympathisch. Und unterstreicht vor allem jene Authentizität, die diese Band ausstrahlt. Hier geht es um’s Musizieren, um Gefühle, um Freunde, die gemeinsame Sache. So, wie sich das für eine richtige Band gehört.
Und das Publikum nimmt diese reduzierte Attitüde dankbar an. Die vordergründige Zurückhaltung entpuppt sich bei näherem Hinsehen als völlig falscher Eindruck. Rundherum stehen Menschen, die aufmerksam, konzentriert und fast andächtig den Liedern lauschen. Mehr Nähe, Anteilnahme und Empathie kann man von Zuhörern kaum erwarten.
Den besonderen Charme dieser Combo erfasst man in seiner Gänze durch eine kleine Geste zum Schluss des Konzertes: Nach drei Zugaben, gemeinsamen Verbeugen und „Tschüss“ sagen, verweist Silly-Urgestein Ritchie Barton an dramaturgisch eigentlich unpassender Stelle auf den Stellenwert und die Kraft der neuen Frontfrau. In solchen Momenten offenbart sich die Tiefe und Nähe einer tatsächlichen Band. Äußerst sympathisch. Und fern ab jeglicher kalkulierten Performance.
Silly starten im Herbst zum zweiten Teil ihrer Tournee. Die Ampeln stehen für die Band auf „freie Fahrt“. Alles Grün.

... and the Chicks for free – möchte man, einen alten Dire Straits-Song zitierend, anmerken. Das mit den Chicks soll Vermutung und Sache von Steffen Seibert bleiben. Seine Tätigkeit als Regierungssprecher, die er nächste Woche aufnimmt, soll aber öffentlich diskutiert werden.
Formal mag der ganze Vorgang richtig und stimmig sein. Und historisch übrigens auch kein Novum. Friedhelm Ost (ZDF), Bela Anda (BILD), Peter Boenisch (BILD), Uwe Karsten Heye (SZ) – man könnte die Liste noch erweitern. Aber derlei gilt nicht bloß als Jobwechsel, sondern als endgültige Aufgabe eines Berufswegs. In der Tat gibt es kaum Journalisten in Deutschland, die Pressesprecher wurden und später noch einmal den Weg zurück in den Journalismus fanden.
Das Grundproblem bleibt also bestehen: Mit Steffen Seibert wird ein Premium-Gesicht eines öffentlich-rechtlichen Senders (ZDF) Regierungssprecher einer konservativ-liberalen Koalition. Seibert hat sich zu einer medial herausragenden Person empor gearbeitet. Immer im selben Haus. Vom Volontär über den Auslandskorrespondenten bis zum Anchorman. Als Journalist, der Nachrichten präzise und verständlich präsentiert, der ohne Schnickschnack, ohne bemühte Witzigkeit und Welterklärgestus die Sachverhalte darstellt. Der Mann vom Zweiten in der ersten Reihe.
Dieser Mann lässt nun verlautbaren: Er habe eine persönliche Entscheidung getroffen und nehme die Aufgabe „gerne an, weil ich überzeugt bin, dass die Bundesregierung unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel die richtigen Schwerpunkte setzt, um unserem Land in diesen schwierigen Jahren eine gute Zukunft zu sichern“.
Applaus und Respekt für eine klare Haltung. Die Haustür zu seinem Job als Journalist hat sich Seibert damit aber wohl zugeschlagen.
Interessanterweise hat sich Steffen Seibert bei seinem eher vertikalen Karrieresprung aber eine Hintertür offen gehalten. Fast ein Scheunentor. Hat er doch laut FOCUS und nach bestätigten Angaben seines bisherigen Arbeitgebers eine Option auf Rückkehr zu dem Sender. Das mag angesichts der jüngst veröffentlichten Umfragewerte zur Schwarz-gelben Koalition klug sein. Regierungs-PR ist ein Saisongeschäft. Vor allem aber ist es erstaunlich, in welch komfortablen Umfeld sich einige ‚Big Shots’ immer noch bewegen können. Außer Lehrern, Top-Managern und Fernsehköchen fallen mir nur wenige Berufsgruppen ein, die so geschmeidig Neues ausprobieren können, ohne dabei ein hohes berufliches und existenzielles Risiko einzugehen. Man stelle sich nur die ALDI-Kassiererin vor, die vielleicht gerne einen Hunde-Salon eröffnen möchte, bei Erfolglosigkeit aber eine Garantie auf ihren Scannerposten in Recklinghausen-Süd hat.
Außerdem ist im Fall Seibert natürlich die Konstellation des Jobhoppings besonders bemerkenswert: Ein Journalist, der mit aller nötigen Objektivität und handwerklichen Distanz das tagesaktuelle Nachrichtengeschehen präsentiert, analysiert und bewertet macht sich gemein mit einer parteipolitischen Ausrichtung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Werten. Wie soll so jemand jemals wieder seine ursprüngliche Tätigkeit aufnehmen? Eine Rückkehr zu ‚heute’ oder dem ‚heute-journal’ müsste ausgeschlossen sein, wenn sich das ZDF nicht erneut einer schmerzhaften Diskussion zum Thema „Politische Einflussnahme in redaktionelle Vorgänge“ aussetzen und damit seine journalistische Relevanz aufgeben möchte.
Hoffnung gibt die Äußerung des neuen Chefredakteurs des ZDF, Peter Frey: „Wir bedauern, dass Steffen Seibert seine Perspektive nicht im Journalismus gesehen hat“.
Aber wer weiß: Vielleicht öffnet Herr Seibert ja im Falle eines Falles demnächst die Parkplatzschranke auf dem Lerchenberg.
Ach, ich liebe dieses Sommerloch. Diese angesagte Entspanntheit beim "Agenda-Setting". Diese Forciertheit der "Latent-Recherche". Dieses poetische Fabulieren im Sinne der "Rezipienten-Verarsche".
Von
DWDL bis
Spiegel-Online (Für Sie, lieber Leser natürlich SPON): Wir machen aus einem Furz einen Donnerschlag, aus der Mücke einen Elefanten. Und warum? Weil wir es können!
"Harald Schmidt könnte Nachfolger von Mathias Richling werden" und "Für Satire-Gipfel: Harald Schmidt soll Late Night aufgeben". Das sind die Schlagzeilen, die die so genannten Leitmedien im Juli von sich geben. Liest sich schön. Und offensichtlich lässt sich mit dem Liebling des Feuilleton noch immer Masse machen. Zumindest in besagten Schlagzeilen. In Keywords. In Tag-Clouds. Eben in der schönen, neuen Medienwelt. Das war es dann aber auch schon.
Schaut man informationslüsternd und nach seriöser Berichterstattung dürstend die Meldungen an, wird relativ schnell deutlich, dass es sich hier mitnichten um eine Nachricht, sondern vor allem um Geblubber handelt. Ein kleines Beispiel für den großen Offenbarungseid der Meinungselite.
Herr Schmidt weilt entweder in der Südsee oder kümmert sich um ein Projekt eines Provinztheaters, das er mit seiner Anwesenheit in kulturelle Höhen treiben kann. Möglicherweise, und im besten Fall, ergötzt er sich an einem Faksimile einer Fuge von Bach. Herr Boudgoust, seines Zeichens temporärer ARD-Vorsitzender (darüber und über den ÖR Rundfunk und die neue GEZ-Abgabe wird nach der Sommerpause ausführlich parliert) hat glücklicherweise nichts von sich gegeben. Ausschließlich ein "Vertreter des Senderverbundes" fühlt sich bemüßigt, das oben zitierte Sommerloch zu füllen. Mit einer "Idee", Schmidt könne doch den 'Satire-Gipfel' moderieren. Zugrunde liegt die Argumentationskette Jauch kommt - Tagesthemen bekommen festen Sendeplatz - Talks werden verrückt - Abstellgleis für Plasberg und Will - wohin mit der Satire? Bei aller Liebe - da könnte man, in aller Bescheidenheit, auch mich fragen. Mal abgesehen davon, dass die Aussagen gehaltvoller wären - eine Nachricht wäre das, zu Recht, nicht wert.
Nein, ich rege mich nicht mehr auf. Seit dem vergangenen Samstag in Duisburg, BP, der PR der Atom-Industrie, einigen eigenartigen Statements der ARGE zu Ein-Euro-Jobs und dem fulminanten Saison-Abschluss von Mutti innerhalb einer Woche rege ich mich nicht mehr auf. Auch nicht über die stümperhafte Reflexartigkeit unserer Leitmedien.
Aber -
Da geht noch was.
Sebastian Frankenberger wollte schon immer die Welt verändern. Nun hat er es als abgebrochener Theologie-Student, kostümierter Tourismus-Führer in Österreich, als NLP-Therapeut (sic!), als erfolgloser Videojournalist und Aktivist der kleinen ÖDP geschafft: Der „Independence Day“ hat in Bayern eine ganz eigene, deutsche Gewichtung bekommen. Der am 4. Juli stattgefundene Volksentscheid beschert dem Freistaat ein gepflegtes Nichtraucherschutzgesetz. Offensichtlich ist es dabei unerheblich, dass der bayerische Volksentscheid von einer, meines Erachtens, rechts-grünen Sekte, der Ökologisch Demokratischen Partei, durchgekämpft wurde. Was diese Gruppierung zu Mobilfunk, Gentechnik und anderen Gesundheitsthemen verbreitet, hat viel mit Esoterik und nichts mit Wissenschaft zu tun. Gewonnen haben 13,8 Prozent, also ein gutes Zehntel der Wahlberechtigten.
Offensichtlich zeigt der von den Erfolgreichen ins Feld geführte Sieg der Demokratie genau die Schwächen der Ebensolchen auf. Vermutlich standen schon um 7 Uhr morgens die ersten Aktivisten vor den Urnen – früh aufstehen können sie ja. Schließlich waren der Abend und die Nacht möglicherweise eher langweilig. Außerdem ist man es ja gewohnt, vor dem müsligeschwängerten Frühstück mit der jungen Familie und dem nachfolgenden, karriere-orientierten Schaffen eine Runde zu joggen. Also auf ins Wahllokal.
Dagegen lag die gegnerische Mannschaft wohl noch verkatert und ausgelaugt in den Federn. Und konnte sich auch im weiteren Verlauf des Tages nicht dazu aufraffen, der demokratischen Pflicht und dem eigenen Interesse nachzukommen. Viel zu verführerisch war die Verheißung eines entspannten Sonntags mit Ausschlafen, üppigem Frühstück und einer leckeren Pfeife auf der sonnendurchfluteten Terrasse.
Aber genug der hier erlaubten Polemik. Alte Einlassungen meinerseits gibt es schon
hier.
Überhaupt entwickelt sich das Anliegen „Gesundheitsschutz“ zur Blankovollmacht für Eingriffe des Staates ins Privatleben. Gesunde Ernährung und sportliche Fitness sind zum sittlichen Imperativ geworden und werden von immer mehr Politikern als Staatsaufgabe betrachtet. Obwohl es zur gesundheitlichen Wirkung der als gut definierten Ernährungsweisen und des Sports als allein seeligmachende Faktoren kaum gesicherte Erkenntnisse gibt. Gesundheitsbewusstsein ist zum Kompass für Gut und Böse geworden, wie früher der christliche Glauben. Einst ging man in die Kirche, jetzt zelebriert man Ernährungsregeln und Körperkult. Die Sünde lauert nicht mehr im Bett, sondern auf dem Esstisch.
Seinen Erfolg kommentierte Frankenberger übrigens mit den Worten: „Auf diesen Sieg stoßen wir jetzt an“. Dann mal - Prost. Denn mit dieser Tradition könnte es auch bald vorbei sein.
Um ein bisschen mehr Medienpräsenz zu bekommen und dem Vorhaben, die Welt zu verändern, plane ich Volksbegehren in Sachen gegen „Bier trinken“, „Rockmusik hören“, „Oben-Ohne-Bräunen“ und „Lachen außerhalb des Kellers“. An den Aktionen „Nein zu schädlichen Emissionen von Volvo-Fahrer“ und „Gegen albern kostümierte Stadtführer in Österreich“ arbeite ich noch.
Ich habe es nicht besser gewusst. Weder vorher, noch hinterher. Lena hat den ESC gewonnen und mit einer charmanten 3-Minuten-Performance überzeugt. Das ist nett und erfreulich. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Will sagen: Trotz aller kollektiven Hysterie bleiben die unten stehenden 5 Punkte gültig.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Es ist wieder ESC-Zeit.
Natürlich habe ich die Vorentscheidung verfolgt und bin nach wie vor begeistert von der grundsätzlichen Ausrichtung der Veranstaltung, die in dieser Form einem solchen Ereignis und der öffentlichen Wahrnehmung gerecht wurde. Bis auf die etwas geschmäcklerische Final-Show, die mir die Freude etwas verdorben hat. Die Gründe dafür sind weiter unten zu finden.
Lena ist in Oslo angekommen und hat heute ihre erste Probe (von zweien) absolviert. Ich habe sie gesehen und fühle mich in meinen Vorurteilen bestätigt. Da ich die Nase voll hab von "Hinterher wissen es alle besser"-Vorwürfen, hier also die Chance, es im Vorfeld schon besser zu wissen - 5 Gründe, warum Lena in Oslo abkacken wird:
1. Sie kann nicht singen
Ein Faktor, der sich per se nicht als Hinderungsgrund einer ESC-Teilnahme darstellen muss. Wenn genug andere Pfeiler die Lücke stützen – Charme, Show, Brüste. Vielleicht sogar eine großartige Komposition.
2. Der Song ist schwach
Ursprünglich als (funktionierende!) Ballade geschrieben, wurden dem Song beim stümperhaften Umarrangieren alle kompositorischen Merkmale geraubt, sodass ein gewisses Nichts bleibt - keine harmonische Dramaturgie, keine Hook-Line, kein Höhepunkt. Wer sich für Details interessiert, dem sei die hervorragende (und auch dem Nicht-Musiker verständliche) Analyse von
Klaus Kauker empfohlen.
3. Die Perfomance ist schwach
Wenn es nach mir geht, können alle Trickkleider, Paillettenjacken und Flammenreifen zu Hause bleiben. Nichts ist so wirksam, wie ein einsamer Interpret, der alle Blicke, Hoffnungen und Emotionen auf sich zieht (Schlagt mich, aber
einen Halbton tiefer - und alles wäre perfekt). Wenn er es den kann. Dazu gehört eine ordentliche Portion Bühnenpräsenz. Lena hat die nicht. Und das kann man ihr nicht mal zum Vorwurf machen. Ihr fehlt verständlicherweise die Professionalität und die Größe des Songs im Rücken. Warum sie dann allerdings so inszeniert wird (Interpretin, 4 Backround-Sängerinnen, alle in schwarz) bleibt das Geheimnis der Macher. Ich vermute, dass sich da auch nicht mehr viel ändern wird – die Erste von zwei Proben!
4. Sie nervt
Weil sie eben nicht die nette, naive, authentische Abiturientin ist, als die sie medial so widerspruchslos gehandelt wird. Sondern vielmehr eine der vielen Teenies, die mit aller Macht in die Medien wollen. Das, was sie von anderen unterscheidet, ist die tatsächlich etwas andere Art. Sie wartet nicht mit Knastgeschichten, zerrütteten Familienverhältnissen oder einer wirtschaftlich gebrochenen Existenz auf. Im Gegenteil. Was aus einer prekären sozialen Situation noch im Sinne eines „letzten Strohhalms“ verständlich ist, betreibt Frau Meyer-Landrut aus komfortabler, bürgerlicher Sicherheit, und damit aus einem ausschließlichen Geltungsbedürfnis heraus. Ihre so spezielle Art ist im Endeffekt nur eines: Überspannt.
5. Alle sind vernebelt
Der Zeitpunkt, zu dem dieser Hype begonnen hat, lässt sich relativ klar benennen: Der erste Auftritt bei der Vorausscheidung „USFO“. Warum er sich allerdings so festgesetzt hat, bleibt mir bis heute unerschlossen. War ich doch seit dem ersten Auftritt genervt. Das ist allerdings kein Argument. Geschmäcker sind verschieden. Und ich halte mich nicht für den ästhetischen Leuchtturm – geschenkt. Nur: Unter professionellen Gesichtspunkten und der strategischen Zielsetzung „unseren Star für Oslo“ zu finden, war die überkandidelte Begeisterung schnell und erst recht im Finale unter den oben genannten Aspekten fehl am Platz. Sowohl „Dursti“ als auch und vor allem Jennifer Braun haben wesentlich mehr Potential. gerade unter den immer wieder zitierten Argumenten der Authentizität und musikalischen Originalität. Über das Prinzip des Zuschauervotings will ich mich nicht äußern – das mag sogar richtig sein, um eine breite Unterstützung eines Künstlers zu sichern. Warum aber Medienprofis wie Stefan Raab und der administrative Kreis drum herum ohne Reflexion an einem Act festhalten, bleibt ein Rätsel. Es darf nicht, was nicht sein kann – oder – es muss, was sein soll, scheint hier das Prinzip zu sein. Konkret: Warum wird Titel Nummer zwei für Jennifer Braun ("Satellite", die Original-Ballade) für Lena umgeschrieben? Warum ist der (nicht gewählte) Kür-Titel für Lena von Raab, der von Jennifer aber nicht? Hier hat sich König Lustig mal verschätzt. Warum steigen alle Medien und ihre (Pop-) kulturellen und feuilletonistischen Leitfiguren auf dieses Gedöns ein? Ein Gefühl von „väterlicher Fürsorge“? Des Kaisers neue Kleider? Das ganze wirft auch ein weiteres Licht auf den medialen Betrieb.
Ich habe mir alle Teilnehmer der diesjährigen Veranstaltung zu Gemüte geführt. Das Feld ist schwach besetzt. Mein Tipp: Die Dänen werden es machen. Denn seit Michael Holm wissen wir alle: Dänen lügen nicht.
19.10.09
Sehr geehrter Herr Schmidt,
wann haben Sie das letzte Mal etwas für Ihre Gesundheit getan?
Ein Mann, der zu beschäftigt ist, um sich um seine Gesundheit zu kümmern, ist wie ein Handwerker, der keine Zeit hat, seine Werkzeuge zu pflegen, sagt ein spanisches Sprichwort. Männer betreiben nach den Erkenntnissen der DAK Reparaturmedizin. So schleppt sich der überwiegende Teil erst dann zum Arzt, wenn es nicht mehr anders geht.
Erkennen Sie sich wieder? Dann fördern wir gerne Ihr Gesundheitsbewusstsein.
Anlässlich des Aktionsmonats „Männergesundheit und Vorsorge“ des Göttinger Ärztevereins für ambulante Prävention und Rehabilitation laden wir Sie
am Sonntag, dem 8. November 2009-10-25 in der Zeit von 10:00 Uhr bis 13:00 Uhr ins Cinemaxx Göttingen ein.
Im Anschluss an kurze Vorträge zum Thema Männergesundheit ist Gelegenheit für Gespräche und Informationen mit den Ärzten aus unterschiedlichen Fachrichtungen und der DAK, die einen Dialog aus unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht.
Im Rahmen der Veranstaltung sehen Sie und Ihre Begleitung exklusiv den Film „Männerherzen“ mit Til Schweiger – natürlich kostenlos –
Nutzen Sie für sich diese Gelegenheit. Wir freuen uns auf Sie.
Freundliche Grüße
Ihre DAK
-Team Kundenbetreuung-
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24.10.09
Liebe DAK,
Lachen soll ja sehr gesund sein. Also vielen Dank für obiges Schreiben.
Nachdem ich nun wieder bei Atem bin, möchte ich doch mit einer detaillierten Rückantwort auf einige der angesprochenen Punkte eingehen.
Um Ihre rhetorische Frage zu beantworten – Nein, ich erkenne mich nicht wieder. Vielmehr beschäftige ich mich sehr sensibel, fast hypochondrisch mit meiner körperlich-geistigen Konstitution. In diesem Sinne unterziehe ich mich seit einigen Jahren und mit zunehmendem Alter regelmäßig einem so genannten ‚Check-up’ bei meinem, menschlich wie fachlich herausragenden, Hausarzt. Allerdings stoßen wir dabei an, beiderseits unerwünschte, Grenzen des gemeinsamen Tuns.
Mein früher umfassendes Blutbild beschränkt sich mittlerweile auf einige übersichtliche Werte, die von Ihnen, liebe DAK, finanziert werden. Die anderen notwendigen Parameter kann er mir, der Arzt meines Vertrauens, wie ein Hütchenspieler in der Fußgängerzone, über locker sitzende Zwanzig-Euro-Scheine vertickern. Da bleibt die Leber schon mal auf der Strecke. Mein von mir seit Jahren absolviertes Kieser-Training bezahle ich selber, um so einen kostspieligen Verschleiß der Rückenmuskulatur und entsprechende Folgekosten aufzuhalten. Außerdem ertappe ich mich dabei, die verschriebenen Anti-Histaminiker, die bei Pollenallergikern ein drohendes und langfristig kostspieliges Asthma verhindern können, nicht einzunehmen, weil sie schlichtweg zu teuer sind.
Des Weiteren frage ich mich, was genau die von Ihnen in den semantischen Ring geworfene „Männergesundheit“ ist. Sprechen Sie ausschließlich den sich selbst aufopfernden Mittdreißiger an, der gegenüber seiner ‚jungen!’ Familie den anerkannten Ernährer- und Fürsorgepflichten nachkommt? Oder den maskulinen 'Macher', der sich in der Gesellschaft ständig telefonierend, joggend, Cocktail schlürfend, sozial inkompetent und Cabrio fahrend als vermeintlicher Leistungsträger positionieren kann? Ich hoffe, das gute, alte Solidar-Prinzip meint mehr.
Ihre Aufgabe ist es nicht, Ihren Versicherten an einem Sonntagvormittag kostenlos einen Film eines möglicherweise untalentierten, aufdringlichen, geschmacksneutralen und in Sachen Gesundheitsvorsorge vermutlich privat versicherten Mimen zu präsentieren.
Fällt Ihnen was auf?
Na?
– Richtig: Ihr Schreiben ist ein Witz. Ein aufgeblasener PR-Ballon, der die Realitäten ad absurdum führt. Eine schicke Maßnahme, die an den Realitäten vorbei führt. Ein Tritt in den Arsch aller normal Versicherten.
Dies ist nicht der Platz, um in aller Ausführlichkeit die Komplexität und Widersprüche unseres Gesundheitssystems zu diskutieren. Aber immerhin die Art und Weise Ihrer Unternehmenskommunikation.
Mit den besten Grüßen
Stefan Schmidt
Wir alle haben es mitbekommen: Die Perle aus der Uckermark, Little Miss Sunshine Westerwelle, die Mitglieder ihres (zukünftigen) Kabinetts und Beamte der Ministerien sowie nachgeordneter Behörden und die Bundeswehr sollen mit einem Impfstoff ohne Verstärker vor Schweinegrippe geschützt werden.
"Zweiklassenmedizin" schreit das Volk. "Er wisse gar nicht, aus welchen Gründen der eine Impfstoff so und der andere so bestellt worden sei" murmelt
offensichtlich ungerührt der verantwortliche Innenminister Schäuble und rollt seiner Wege.
So weit die mittlerweile übliche Stammtischdiskussion, die abermals im Grau des Alltags verschwindet, ohne das jemand auf die Straße geht oder gar Barrikaden brennen. Nun denn.
Subtil zweifelhaft wird es für den interessierten Beobachter medialer Kommunikation, wenn man sich die Äußerungen der verantwortlichen Sprecher ansieht. „Wir haben 200 000 Dosen des nicht-adjuvantierten (keine zweifelhaften Wirkverstärker, Red.) Impfstoffes Celvapan der Firma Baxter gekauft“, sagte Christoph Hübner, Sprecher des Bundesinnenministeriums, dem Nachrichtenmagazin 'Spiegel'. Und eine Kollegin ergänzt: "Das Beschaffungsamt des Innenministeriums hat mit dem Hersteller Baxter schon vor vielen Monaten einen Vertrag abgeschlossen, den man einhalten muss".
Hier sind augenscheinlich leidlich talentierte PR-Profis am Werk. Nimmt man sich nämlich die Zeit, hinter diese vordergründig rechtfertigenden Statments zu schauen, kann man Folgendes festhalten:
1. scheint es selbstverständlich, seitens der Bundesregierung nicht öffentliche Verträge mit der Pharma-Industrie zu schließen.
2. werden offensichtlich frühzeitig Vorsorgemaßnahmen für die Bundesregierung getroffen, von denen die Öffentlichkeit nichts erfährt.
3. wird blinder Aktionismus einer vernünftigen und kompetent untermauerten Handlungsweise vorgezogen.
Und das alles wird in dieser Form als Erklärung in die debatte geworfen.
Gute Nacht.
Mit etwas Abstand nun mein erster und einziger Kommentar zur vergangenen Bundestagswahl: Erfreuliche, neo-liberale, deregulierte Auswüchse machen sich breit. Zumindest auf'm Kiez im geliebten St. Pauli. Gut so. Und Dank für das Fundstück an
Matt.
